Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Kunst sichtbar gemacht

Kultur / 22.11.2020 • 07:26 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Bildhauerkunst war immer eine öffentliche Kunst. Unsere Zeit aber hat die Plastik weitgehend aus dieser Öffentlichkeit von Straßen, Plätzen, auch aus Gebäuden verdrängt und auf Museen reduziert. Meist nur verschämt, manchmal auch sinnentfremdet, werden Skulpturen bei öffentlichen Gebäuden aufgestellt, oft ohne Rücksichtnahme auf Architektur und Zweck stehen sie abseits von dem, was die Skulptur am notwendigsten brauchen würde: Kontakt mit den Menschen. Der große englische Künstler Henry Moore hat immer wieder auf die Notwendigkeit der öffentlichen Aufstellung von Skulpturen verwiesen, und vor mehr als einem halben Jahrhundert hat die französische Bildhauerin Germaine Richier die heute noch gültige Forderung aufgestellt: „Damit unsere Zeit und das Publikum zu einem Verständnis der heutigen Werke gelangen, müsste die Plastik wieder an jene Stellen gesetzt werden, die ihr – man fragt sich warum – verwehrt worden sind: große öffentliche Plätze, Gärten, Theater, Gebäude, Stadien. Solange man die Plastik nicht in den ‚Bereich von Mann und Frau‘ zurückgebracht hat, auf die der ganzen Menschheit gehörenden Plätze, wird ihr Gesicht gleichsam verunstaltet sein.“

„Ich kenne kein Beispiel, wo eine Gemeinde ihrem großen Künstler solche Zeichen setzt.“


In Wolfurt scheint man sich solche Überlegungen zu Herzen genommen zu haben. Denn dort wurde in genau diesem angesprochenen öffentlichen Raum eine Skulptur von Herbert Albrecht – ein „Doppelkopf“ in Bronze – aufgestellt. Coronazeit war kein Hindernis, man verzichtete nur auf eine große offizielle Übergabe. Der Kopf hat die für einen solchen Platz – er steht zwischen Straße und Cubus – notwendige Größe, fast drei Meter hoch, mehr als drei Meter breit, und er weist eine außerordentliche, grün schimmernde Patina auf. Vorbild war ein kleiner Kopf, der aber nicht einfach „aufgeblasen“ wurde. Herbert Albrecht meinte zu diesem Problem vor einiger Zeit: „Das große Format gibt sich nicht augenblicklich als Kopf zu erkennen, es erschließt sich nicht so einfach. Indem man die Größenordnung verändert, ändert sich auch die Annäherung des Betrachters.“

Man muss die in der Gemeinde Wolfurt Verantwortlichen – Bürgermeister Christian Natter und Kulturgemeinderätin Angelika Moosbrugger – loben. Ich kenne kein Beispiel, wo eine Gemeinde ihrem großen Künstler solche Zeichen setzt. Neben dem neuen „Doppelkopf“ steht von Herbert Albrecht in Sichtverbindung auch der große Granitkopf vor dem Cubus, zudem die Stele in der benachbarten Schule und der Wolfurter Wolf vor dem Gemeindeamt. Präsenter kann ein Künstler in seiner Gemeinde kaum sein.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

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