Der Clownskopf bekommt Konkurrenz

Kultur / 08.07.2021 • 18:49 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Rafael Rojas als Nero.

Rafael Rojas als Nero.

Die großen Projekte der Bregenzer Festspiele befinden sich in der Endprobenphase, mit “Nero” zeichnet sich eine besondere Entdeckung ab.

Bregenz Verdi draußen auf der Seebühne und Boito drinnen im Festspielhaus – das ist, abgesehen von den Inhalten der beiden Opern „Rigoletto“ von Verdi und „Nero“ von Boito mit Titelfiguren, die davon ausgehen, dass sie aufgrund ihres Standes auch die absolute Macht haben, eine besondere Konstellation. Arrigo Boito (1842-1918) schrieb die Libretti der Opern „Otello“ und „Falstaff“ von Giuseppe Verdi (1813-1901) und bezog sich schon sehr jung als Komponist einmal auf „Rigoletto“. Wenn die Bregenzer Festspiele knapp zwei Wochen vor der Eröffnung bei den traditionellen Einblicken in die großen Produktionen nicht nur das Leading-Team, sondern mit Katrin Wundsam eine Mezzosopranistin vorstellen, die auf dem See wie im Haus zum Einsatz kommt, ist Vertiefung in die inhaltlich-künstlerischen Faktoren angesagt. Das Große und Ganze ist rasch skizziert. Seit knapp vier Wochen wird geprobt, die rund 220.000 Karten sind bislang gut abgesetzt, dass nun pro Woche etwa 7000 Stück verkauft werden, entspreche der Vor-Corona-Saison 2019, erläutert der kaufmännische Direktor Michael Diem. Besucher haben die 3G zu beachten (müssen getestet, genesen oder geimpft sein) und dürfen alle Ränge besetzen. Die Mitarbeiter im Haus tragen ausnahmslos FFP2-Masken. Das heißt, dass auch mit Masken geprobt wird. „Das ist unangenehm, aber wir sind glücklich, dass wir überhaupt wieder arbeiten dürfen“, erklärt Svetlana Aksenova, die die Rolle der Asteria in „Nero“ singt.

Ein Gesamtkunstwerk

Bleiben wir beim Werk, um das Boito sein Komponistenleben lang rang: Das noch zu Lebzeiten veröffentlichte Libretto stieß auf viel Anerkennung, die Partitur ging durch die Hand von Arturo Toscanini, um das Werk nach dem Tod des Komponisten im Jahr 1924 uraufführen zu können. „Nero“ geistere in den Köpfen vieler Opernfreunde herum, meint Intendantin Elisabeth Sobotka, die mit dem Regisseur Olivier Tambosi vor fünf Jahren bereits die rekonstruierte Fassung der Oper „Hamlet“ von Franco Faccio mit einem Libretto von Boito mit großem Nachhall zur Aufführung brachte. Boito wollte mit „Nero“ eine neue Musikdramaturgie schaffen, ein „Gesamtkunstwerk, aber anders als Wagner“. Wenn sich Tambosi und der Dirigent Dirk Kaftan des Stücks annehmen, dann müsse man es einmal machen. Kaftan hatte, wie er erzählt, rasch Feuer gefangen: „So eine Oper ist mir noch nie begegnet.“ Sie verdeutliche eine Zeitenwende. Im Gespräch mit den VN bezeichnete er „Nero“ als Werk des Fin de Siècle. Handlung wie Musik thematisieren die tiefe Auseinandersetzung mit den Künsten, aber auch absolute Dekadenz und den Hang zur Barbarei, wobei Boito dem Hörer sozusagen den Spiegel vorhält, Distanz wie Reflexion fordere. Ende des 19. Jahrhunderts habe man moralische Werte neu hinterfragt, verdeutlicht Olivier Tambosi seinen Zugang. Mit dem Bösen haben sich Künstler, Philosophen und Musiker beschäftigt. „Es geht um diese Themen, nicht um einen Historienschinken.“ Die Ausstattung von Frank Philipp Schlössmann und Gesine Völlm lässt Assoziationen zur Entstehungszeit der Oper bis zur Gegenwart zu. Der Helm eines Römers liegt irgendwo in den Sitzreihen. Wer weiß, vielleicht kommt er doch noch zum Einsatz, schließlich steht auch auf Neros Schreibtisch eine Büste aus der Zeit. Spätere Diktatoren haben sich gerne mit großen Machthabern in der Geschichte geschmückt.

Auf dem See agiert ebenfalls ein solcher. Philipp Stölzl, der die riesige Marionette, diesen Clownskopf erfand und als Regisseur bespielen lässt, zeigt sehr viel Böses in dem Werk und seinen Figuren und unterhält trotzdem. Man sei vor zwei Jahren sehr glücklich mit dem Ergebnis gewesen, so dass keine bahnbrechenden Änderungen stattfinden werden. Bregenz biete einen der besten Arbeitsplätze, die es gibt, bemerkt Katrin Wundsam: „Bei so einer Show mitwirken zu dürfen, ist auch im zweiten Jahr nicht weniger spektakulär.“ Ob die Musikwelten, in die sie sich einzuleben hat, einander ähnlich sind? Sie seien nicht vergleichbar, meint die Mezzosopranistin aus Oberösterreich, die draußen die Partien der Maddalena und der Giovanna singt und drinnen zwei kleine Rollen. „Die Rollen in ,Rigoletto‘ sind alle tief, in ,Nero‘ sind sie noch tiefer.“ Julia Jones, Dirigentin auf dem See, zitiert Strawinsky, der meinte, dass „La donna è mobile“, die berühmte Arie in „Rigoletto“, mehr Substanz habe als der gesamte „Ring“. Musikalische Feinarbeit ist wiederum auf dem See zu erwarten.

Im Haus dürfte die Spannung umso größer sein, handelt es sich bei „Nero“ nicht nur um ein äußerst selten gespieltes Werk, sondern auch um eine Umsetzung, die in erster Linie darauf abzielt, zu verbildlichen, was sich im Kopf dieser Person abspielt.

„Der Clown ist eine grandiose Bühnenskulptur, aber wirklich aus dem Stück entwickelt.“

„Das Außergewöhnliche ist meist nur im Kontext von Festspielen möglich.“

Intendantin Sobotka mit Dirigentin Julia Jones.

Intendantin Sobotka mit Dirigentin Julia Jones.

Probenszene aus der Oper

Probenszene aus der Oper “Nero” von Arrigo Boito.

Die Premiere von “Nero” erfolgt zur Eröffnung der Bregenzer Festspiele am 21. Juli. “Rigoletto” steht bis 22. August 28 Mal auf dem Programm.