Festspiele: Zügellos geht es nur auf der Bühne los

Kultur / 20.07.2021 • 21:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Festspiele: Zügellos geht es nur auf der Bühne los
„Nero“ von Arrigo Boito wurde 1924 uraufgeführt und seither nur selten nachinszeniert.  VN/STEURER

Start der 75. Bregenzer Festspiele: Es ist möglich, aber wenig ratsam bei „Nero“ an Brigantium zu denken.

Bregenz Die Tatsache, dass in Bregenz einst nicht nur ein römisches Forum mit Tempel, ein Kastell sowie Villen existierten, sondern dass die Menschen auch zum Theaterbesuch nach Brigantium reisten, ist in den letzten Monaten wieder hochgeschwappt, weil Ausgrabungen die Existenz einer solchen Anlage bescheinigen. Die Entscheidung, die Oper “Nero” 2000 Jahre später im Rahmen der relativ konsequenten Raritätenpflege bei den Bregenzer Festspielen umzusetzen, steht allerdings kaum im Zusammenhang mit der Geschichte der Stadt. Die Figur des römischen Kaisers bzw., die ihm zugeschriebene Zügellosigkeit boten dem Schriftsteller und Komponisten Arrigo Boito (1842-1918) die Möglichkeit, sich literarisch jenseits der Grenzen bürgerlicher Konventionen zu begeben und die kontrastierenden Prinzipien von Gut und Böse in einem Werk zu thematisieren. Zeitlebens hat er damit gerungen, uraufgeführt wurde “Nero” erst im Jahr 1924.

Musikalisch ist die lange Schaffenszeit des Werks hörbar. Es in Verbindung mit der Oper “Rigoletto” von Giuseppe Verdi auf der Seebühne auf das Programm zu setzen, ist ungeachtet der dramaturgischen Problematik im Stück mit wenig Handlung und vielen psychologisch-philosophischen Aspekten musikhistorisch reizvoll, Boito arbeitete als Librettist der Verdi-Opern “Otello” und “Falstaff” und wurde von Verdi gedrängt, seine Ressourcen für sein eigenes Werk, nämlich “Nero”, aufzuwenden.

„Es war wichtig, trotz der Verschiebung des Programms eine innere Struktur beizubehalten.“

Elisabeth Sobotka, Festspielintendantin

Nachdem die Festspiele im Vorjahr pandemiebedingt nur Festtage mit Konzerten, Literatur und einer Kurzoper anbieten konnten, erscheint es konsequent, die Kompaktheit des Programms bei der Wiederaufnahme der Seebühnenproduktion, die jeweils zwei Jahre läuft, zu bewahren. Die “innere Struktur beizubehalten”, war Intendantin Elisabeth Sobotka wichtig. Sie zeigt sich auch in der enormen Bandbreite des Programms, das mit Haydns “Schöpfung” dem Bregenzer Festspielchor anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums des Festivals ein Podium bietet, und mit der Oper “Wind” des Vorarlbergers Alexander Moosbrugger eine Uraufführung enthält bzw. mit “Upload” von Michel van der Aa zeigt, inwieweit die Digitalisierung ins Musiktheater vordringt.

Ohne Party

218.000 Tickets haben die Festspiele aufgelegt. Dass sie sehr gut gebucht sind, dokumentiert das Interesse an Kunst nach den langen Veranstaltungsverboten. Das Publikum wird allerdings darauf zu achten haben, dass die Pandemie noch nicht überwunden ist. Zügellos geht es nur auf der Bühne los. Das übliche Fest am Vorplatz fällt aus.

Das Festspielprogramm wird heute, 21. Juli, mit der Premiere der Oper „Nero“ gestartet, „Rigoletto“ folgt am 22. Juli. Die Saison dauert bis 22. August.