Mehrere Herren sehen rot

Kultur / 11.01.2022 • 21:55 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Benjamin Blaikner inszeniert
Benjamin Blaikner inszeniert “Die Entführung des Thomas G.”

Der Spielplan des Theaters Kosmos beachtet allerdings auch Autorinnen und ist politisch.

Bregenz Zwei Produktionen im großen Haus, davon eine Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen hatte das Theater Kosmos im letzten Jahr realisieren können. Dazu kamen immerhin drei Kurzstücke im Kosmodrom, die dokumentieren, dass die Pandemie die Förderung junger oder neuer Autorinnen und Autoren nicht so sehr beschränkt hat wie das weitere Programm. Was nun als Spielplan für 2022 präsentiert wurde, liest sich beileibe nicht nur als Aufzuholendes, das Unternehmen von Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig offenbart sich in den Monaten, in denen es hoffentlich zu keinen Veranstaltungsverboten mehr kommt, im verstärkten Maß als Ur- und Erstaufführungsbühne, als Koproduktionspartner für Musikerinnen und Musiker sowie als Podium des politischen Diskurses.

Eine Ethik entgegenstellen

Was ein gutes Leben sei, hat man zuletzt gefragt und ergänzt die Zeile nun mit gerecht. „Es geht uns darum, dass man der neoliberalen Kampfökonomie auch eine Ethik entgegenstellt“, erklärt Dragaschnig im Gespräch mit den VN die Spielplanüberlegungen. Impulsgebend mag auch die seit dem Dramenwettbewerb im Sommer 2019 immer wieder verschobene Uraufführung des Stücks „Limbus“ von Florentina Hofbauer gewesen sein. Die österreichische Autorin (geb. 1992) konstruiert darin ein Treffen von Swetlana Allilujewa, der Tochter von Josef Stalin, und Nelly Mann, der Frau von Heinrich Mann. Beider Leben war von menschenverachtender Politik und somit von Flucht überschattet.

Mechanismen der Radikalisierung sind auch Thema im Stück „Die Entführung des Thomas G.“ von Benjamin Blaikner, der sich mit der Geschichte des Vorarlbergers Thomas Gratt befasste, der sich in den 1970er-Jahren einer linksextremen terroristischen Vereinigung anschloss und an der Entführung des Unternehmers Walter Palmers beteiligt war. Entworfen wurde kein dokumentarisches Werk, es gehe vielmehr um die Hinterfragung von Gesellschaftsmodellen oder politischen Bewegungen. Ergänzend dazu wurde eine „Don Quijote“-Adaptierung beim deutschen Autor Philip Jenkins in Auftrag gegeben.

Zukunft des Sozialismus

Eine Vorarlberger Autorin, nämlich Kathi Klein, hat es nach Uraufführungen einiger Texte im Kosmodrom mit „Little Italy“, einer Auseinandersetzung mit Schein und Sein auf Basis einer Liebesgeschichte, auf die Hauptbühne geschafft. In „Escorial“ von Michel de Ghelderode tauchen große Theatersujets auf, allerdings tauschen König und Hofnarr ihre Rollen. Der Vorarlberger Schauspieler Nico Raschner wird ein Stück schreiben, und die bestehende Autorenförderung wird durch die Zusammenarbeit mit Wiener Einrichtungen erweitert. Das Musikprogramm erhält mit dem Experten Anselm Hartmann einen Kurator, und im Vortrags- und Diskussionsprogramm begegnen Dragaschnig und Jagg Ideologien. Die Herzen liegen links, gerade deshalb sei es angebracht, über die Vergangenheit und Zukunft des Sozialismus zu sprechen. Philosoph Konrad Paul Liessmann und Schriftsteller Michael Köhlmeier werden sich konkret unter dem Titel „Zwei Herren sehen rot“ einschalten.

„Unser Herz liegt so links, dass wir der Meinung sind, lass uns darüber reden.“

Theaterleiter Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig mit dem Kosmodromleiter Stephan Kasimir. VN/Hartinger
Theaterleiter Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig mit dem Kosmodromleiter Stephan Kasimir. VN/Hartinger

Theater Kosmos 2022

„Limbus“

Von Florentina Hofbauer, UA am
13. Jänner

„Die Entführung des Thomas G.“

Von Benjamin Blaikner, UA 24. Februar

„Don Quijote – ein Stück weg von der Wahrheit“

Von Philip Jenkins, UA Mai

„Little Italy“

Von Kathi Klein, UA September

„Escorial“

Von Michael de Ghelderode, Premiere November

 

Kosmodrom

Stück von Nico Rachner, weitere in Planung

Kosmolino

Stücke für Kinder in Planung

Kosmos Konzert

vier Konzerte pro Jahr, Start mit der Pianistin Laurah Maddalena Kasemann

Camerata Musica Reno

„Paul Hindemith und die Goldenen Zwanziger“ und „Jahreszeiten – Klimawende – Wendezeiten“

Motif

„Dirty Dishes“ von Nick Whitby

Kosmos Diskurs

„Zwei Herren sehen rot“, „Ökonomie der kurzen Wege“, „Was ist heute links?“, Günther Anders

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