„Für mich ist sie eine Frühaufklärerin“

Kultur / 02.02.2022 • 18:20 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der deutsche Schriftsteller Tobias Schwartz ist Herausgeber und Übersetzer von Aphra Behns Werken. Aviva Verlag
Der deutsche Schriftsteller Tobias Schwartz ist Herausgeber und Übersetzer von Aphra Behns Werken. Aviva Verlag

Tobias Schwartz, Herausgeber und Übersetzer von Aphra Behns Werken, ist im Theater am Saumarkt zu Gast.

feldkirch Aphra Behn – eine Feministin avant la lettre – ist die erste bekannte freie Schriftstellerin Englands und Erfinderin des realistischen Romans, wie wir ihn kennen. Virginia Woolf und Vita Sackville-West machten zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Behn aufmerksam. Schriftsteller Tobias Schwartz ist Herausgeber und Übersetzer von Aphra Behns Werken. Am Wochenende ist er in der Reihe „Biographie – erforschen, erinnern, erfinden?“ im Theater am Saumarkt zu Gast.

 

Aphra Behn war Schriftstellerin und wurde Mitte des 17. Jahrhunderts in England geboren. Sie gilt als Ikone der feministischen Literaturwissenschaften. Warum?

Schwartz Ich glaube, da gibt es unterschiedliche Sichten auf Aphra Behn. Was sie aber fraglos auszeichnet, ist eine kritisch-skeptische Haltung gegenüber festgefahrenen Geschlechterordnungen und ein unermüdlicher Kampf um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung und das innerhalb einer durch und durch patriarchal strukturierten Gesellschaft wie der damaligen. Das war neu und radikal.

 

Sie sind selbst Autor, arbeiten als Übersetzer. Was hat Sie an Aphra Behn und ihrer Literatur so fasziniert?

Schwartz Nun, sie hat ja mit „Oroonoko“ den modernen realistischen Roman maßgeblich beeinflusst, wenn nicht sogar in der Form, wie wir ihn kennen, erfunden. Umso unglaublicher ist es, dass sie – zumindest im deutschsprachigen Raum – nicht längst fest im Kanon verankert ist, anders als Defoe, Swift und so viele andere, männliche Autoren. Fasziniert hat mich auch ihr Themenreichtum und ihre ungeheuer progressive, tolerante Weltsicht. Für mich ist sie eine Frühaufklärerin.

 

Wie einfach lässt sich ihre literarische Sprache ins Deutsche übersetzen?

Schwartz Ihre Sprache ist überraschend klar und gar nicht angestaubt, gleichzeitig sehr bunt und schillernd, vielleicht am ehesten vergleichbar mit der Sprache Voltaires, dessen Candide es übrigens auch nach Surinam verschlägt, wo der „Oroonoko“ spielt. Es gibt Schriftstellerinnen, die viel schwerer zu übersetzen sind, Shelagh Delaney etwa, deren Texte viel Slang enthalten, oder Virginia Woolf, die ich gerade wieder übersetze.

 

Was ist über die Umstände bekannt, unter denen sie als Autorin gelebt und gearbeitet hat?

Schwartz Für eine Frau, die im 17. Jahrhundert gelebt hat, wissen wir erstaunlich viel über ihr Leben, gleichzeitig muss man immer sehr vorsichtig sein, denn etliches davon ist nicht wirklich verbürgt. Sie reiste als junge Frau in die südamerikanische, damals englische Kolonie Surinam, wirkte im Auftrag des Königs Charles II. als Spionin in Antwerpen, kam aufgrund von Schulden ins Gefängnis und wurde schließlich die erste freie Schriftstellerin Englands. Für diese Karriere waren die Umstände erst einmal sehr günstig, nach Ende der Militärdiktatur Oliver Cromwells war der König aus dem Exil zurückgekehrt und mit ihm erlebte die unter Cromwell weitestgehend verbotene Kultur eine neue Blüte. Erstmals waren beispielsweise Frauen auf den Theaterbühnen zu sehen, was es zu Shakespeares Zeit noch nicht gegeben hatte – Julia, Ophelia
oder Lady Macbeth waren bis dahin immer von Männern gespielt worden.

Wie bekannt war Aphra Behn ihren Zeitgenossen?

Schwartz Wer sich für Kultur interessierte – und das bedeutete maßgeblich Theater –, kannte Aphra Behn. Als Dramatikerin war sie nicht weniger berühmt als ihre männlichen Kollegen, sie schrieb große Erfolgskomödien wie „Der Freibeuter“ oder „Der Herrscher des Mondes“ (eine sehr lustige Science-Fiction-Farce), die bis Mitte des 18. Jahrhunderts immer wieder nachgespielt wurden. Auch als Lyrikerin und Prosa-Autorin hatte sie großen Einfluss. Allerdings war sie, aufgrund ihrer Freizügigkeit auch in sexuellen Dingen, eine Art Skandalfigur – wodurch sie spätestens im prüden Viktorianismus vollends in Vergessenheit geriet.

 

Behn hat sich in ihren Büchern mit Themen wie Sklaverei, Rassismus oder der Situation der Frauen beschäftigt. Denken Sie, dass die Aktualität dieser Themen ihr ein neues Publikum bringen könnte?

Schwartz Unbedingt, ja. Die Zeit ist mehr als reif für eine breite Entdeckung und Kanonisierung Aphra Behns – in England ist das längst der Fall. Ihr vielschichtiges Werk ist nicht nur etwas für Spezialisten, sie ist in einem Atemzug mit Autoren wie Molière, Defoe, Swift, Voltaire, Lessing und anderen zu nennen. sab

„Für mich ist sie eine Frühaufklärerin“

Zur Person

Tobias Schwartz

Geboren 1976 in Osnabrück

Wohnort Berlin

Laufbahn Literatur und Philosophiestudium in Berlin, schreibt seit den späten 90er Jahren literarische Texte, Debütroman 2007: Film B, zahlreiche Theaterstücke, u.a. “Leben fährt weiter, “Ödipus’ Klage” etc. sowie Übersetzungen

„Biographie – erforschen, erinnern, erfinden?“ Tobias Schwartz präsentiert: Aphra Behn: 6. Februar, 10.30 Uhr, Theater am Saumarkt