Ein Projekt, das wahr und wichtig ist

Nikolaus Habjan berührte mit „Fly Ganymed“ von Paulus Hochgatterer bei den Bregenzer Festspielen.
Bregenz Der Stücktext ist von trauriger Aktualität, die Adaptierung trifft unmittelbar und dass „Fly Ganymed“ von Paulus Hochgatterer mit Nikolaus Habjan in das Programm der Bregenzer Festspiele genommen wurde, dokumentiert, dass ein besonderes Thema einige der diesjährigen Produktionen verbindet. Für die Inszenierung der Oper „Sibirien“ von Umberto Giordano wählte Regisseur Vasily Barkhatov mit der hinzugefügten Figur, die das Schicksal ihrer Eltern in einem russischen Straflager recherchiert, eine Perspektive, die uns verdeutlicht, wie Gewalt über Generationen wirkt bzw. wie weitreichend Kinder betroffen sind. In der Oper „Kapitän Nemos Bibliothek“ von Johannes Kalitzke ist eine solche Konfliktsituation zwar anderen Ursprungs, aber überhaupt Thema des Werks, in „Fly Ganymed“ geht es um Kinder auf der Flucht.

Das Werk von Paulus Hochgatterer wurde bereits vor zehn Jahren in Wien uraufgeführt, eine Neubearbeitung der Inszenierung vor wenigen Monaten am Schauspiel Stuttgart hat die mediale Präsenz vervielfacht und vor Augen geführt, wie abgestumpft viele sind. Ja, unter den Flüchtlingen, die – so wahrnehmbare Reaktionen – bar des Gebots der Solidarität und Mitmenschlichkeit ob ihrer bedrohten Lage in erster Linie in genehme oder nicht so genehme kategorisiert werden, befinden sich auch viele Kinder. Einem solchen, einem neunjährigen Buben, widmet sich der Schriftsteller und Jugendpsychiater Paulus Hochgatterer.
Der österreichische Künstler Nikolaus Habjan hat von ihm bereits das Schauspiel „Böhm“ über den Dirigenten Karl Böhm und dessen Verstrickungen mit dem Terrorregime des Nationalsozialismus inszeniert. Es wurde auch bei den Bregenzer Festspielen gezeigt, in deren Rahmen Habjan, der mittlerweile oft als Opernregisseur an größeren Häusern tätig ist, verschiedene Projekte offerierte und dessen Auftritte das Publikum jeweils mit großem Interesse entgegensieht.

„Fly Ganymed“ wurde in der Festspiel-Reihe Musik & Poesie als musikalische Lesung angekündigt und erweist sich als weitere Bearbeitung, in der Nikolaus Habjan die Aufgabe des Puppenspielers und Erzählers zukommt, der die verschiedenen Elemente der Handlung zu bündeln hat. Das Kind, dem Grausamkeit widerfährt, die es noch nicht konkret fassen kann oder auf seine Art im Überlebenskampf verdrängt, die unterschiedliche charakterliche Verfasstheit von Grenzbeamten und Sozialarbeitern, das System, aus dem die Schieber, aber auch die Exekutive Gewinn ziehen und die Mechanismen einer subtilen Rohheit erhalten durch einen hochsensiblen Sprecher und Akteur Konturen. Da wird nichts forciert, auch wenn das leicht wäre, da kippt nichts ins Plakative, Habjan dient diesem Text, der wahr ist, wichtig ist und weh tut. Es kommt hier auch Empathie und die Gewissheit zum Tragen, dass das Puppenspiel die richtige Wahl für die Vermittlung des Werks von Hochgatterer ist. Der Musiker Kyrre Kvam unterstreicht die Stimmung, diesen Ton, der trifft.

Nikolaus Habjan versteht es seit Jahren, mit gezielt klugen und prägnanten Bemerkungen der Eröffnung der Bregenzer Festspiele besondere Relevanz zu verleihen. Er tat es auch heuer mit den kurzen Auftritten der Puppe aus „Fly Ganymed“ am 20. Juli. Das nun in Bregenz präsentierte Stück, in dem dieses Kind die Hauptrolle hat, behält er hoffentlich in seinem Repertoire.

Die Bregenzer Festspiele dauern noch bis 21. August, nächste große Produktion: „Armida“ am 15. August.