Mit dem Konzertfinale den Vogel abgeschossen

Kultur / 21.08.2022 • 19:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Symphonieorchester Vorarlberg mit dem Dirigenten Leo McFall und die Geigerin Alina Pogostkina<span class="copyright"> BF/Lisa Mathis</span>.
Symphonieorchester Vorarlberg mit dem Dirigenten Leo McFall und die Geigerin Alina Pogostkina BF/Lisa Mathis.

Mit seinem Schlusskonzert unter Leo McFall löste das SOV bei den Festspielen Jubelstürme aus.

von Fritz Jurmann

Bregenz Die Wiener Symphoniker haben bei den Festspielen wieder groß aufgespielt und damit erneut ihren Ruf als europäisches Orchester von Rang bestätigt. Aber auch das Symphonieorchester Vorarlberg konnte heuer seine Position als zweites Festspielorchester in Bregenz auf Augenhöhe glänzend bestätigen. Schon seine Mitwirkung bei zwei musikalisch wunderbar gelungenen Opernstudio-Produktionen wurde viel beachtet, den Vogel abgeschossen aber hat das SOV unter seinem Chefdirigenten Leo McFall am Sonntag mit seiner traditionellen Abschlussmatinee, die im ausverkauften Haus laute Beifallsstürme auslöste.    

Da konnten die Musiker mit ihrem neuen Konzertmeister Michal Majersky auch nochmals klanglich in die Vollen greifen und groß auftrumpfen. Dass zum wiederholten Mal in diesem Sommer ein rein russisches Programm gespielt wurde, war wohl eher Zufall und bot auch diesmal in Bregenz keinerlei Anlass, im Zusammenhang mit Putins Ukraine-Krieg einen unnötigen Kulturkampf zu konstruieren, wie das andere Kulturveranstalter getan haben. So wird daraus also eine zutiefst russische, dabei aber auch ernste Matinee, mit einem kontrastreichen Programm aus eher wenig bekannter klassischer Moderne und mit Tschaikowskys „Fünfter“ als dem finalen Knaller der russischen Spätromantik, das alle Dämme brechen lässt, alle Schleusen öffnet. Die Vielfalt der musikalischen Mittel und Emotionen, die der Engländer McFall hier packend in Szene setzt, ergibt in allem eine schillernd farbige Visitenkarte des Orchesters, das mit großer Pranke, aber auch viel Schwermut und Sensibilität die Verletzlichkeit und Weite der russischen Seele einfängt und zum Klingen bringt.

Den Auftakt macht der „Chant funèbre“ von 2008, eines der gültigsten Werke Igor Strawinskys als beklemmende Totenklage, die in üppiger Klangästhetik dessen verstorbenem Lehrer Nikolai Rimski-Korsakow den letzten Tribut zollt. 2017 schrieb Sergej Prokofiew sein erstes Violinkonzert, das sich in herbem Charme aus ironisch verliebter Raffinesse zum Rauschhaften entwickelt. Ein dankbares Betätigungsfeld für die bescheiden wirkende, dabei längst international gefragte russische Geigerin Alina Pogostkina, die auswendig, mit berückendem Ton und beeindruckender Virtuosität die rechte Balance zwischen Zärtlichkeit und hartem Zugriff findet. Ihre Zugabe ist ein schlichtes Volkslied, „Song of a bird“.

Tschaikowskys Symphonie Nr. 5 e-Moll von 1888 wird so wie Beethovens „Fünfte“ ebenfalls „Schicksalssymphonie“ genannt. Hier aber werden alle vier Sätze als Quelle nur von einem Thema gespeist. Dessen Variationen zwischen Fanfarenklängen, süffigen Streichermelodien und einem schwebenden Walzer aber werden rhythmisch mit größter Exaktheit vom Dirigenten zusammengehalten, ohne dass dabei bloß ein lärmendes Spektakel entstehen könnte. McFall erhält dabei vom Paukisten Heiko Kleber markante rhythmische Unterstützung, herausragend bei den Soli auch die tiefe Klarinette von Francesco Negrini im ersten und die sangliche Hornmelodie von Andreas Schuchter im zweiten Satz. Ein umwerfendes Konzertfinale zum Ende dieser Festspielsaison.  

Im Radio: 2. September, 19.30 Uhr, Österreich 1