Das riss von den Sitzen

Kultur / 01.09.2022 • 19:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Manfred Honeck, der Vorarlberger Chefdirigent des PSO, mit Violinvirtuosin Anne-Sophie Mutter.SF/MARCO BORRELL
Manfred Honeck, der Vorarlberger Chefdirigent des PSO, mit Violinvirtuosin Anne-Sophie Mutter.SF/MARCO BORRELL

Finale der Salzburger Festspiele mit Anne-Sophie Mutter und Manfred Honeck.

SALZBURG, BREGENZ Eine motivierende, die Bedeutung der Musik für uns Menschen zum Ausdruck bringende Programmierung des Konzertabends, mit Anne-Sophie Mutter eine Künstlerin, deren Persönlichkeit und Auffassung mit dem Violinkonzert von Beethoven auf das Schönste zum Ausdruck kommt, und eine Mahler-Interpretation, die das Publikum von den Sitzen riss – die Salzburger Festspiele beendeten die Saison mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra.

Hoch angesehener Klangkörper

Am Pult stand der Vorarlberger Manfred Honeck. Der Chefdirigent dieses US-amerikanischen Orchesters, mit dem er bereits mehrere Aufnahmen realisierte, die mit Preisen bedacht wurden, steht auch immer wieder als Gastdirigent am Pult hoch angesehener Klangkörper. Die Begegnungen, die er seit Jahren und interessanterweise jeweils gegen Ende oder direkt zum Finale der Festspiele ermöglicht, sind besondere Erlebnisse. Im Vorjahr begeisterte er mit dem Gustav Mahler Jugendorchester in der Felsenreitschule, dieses Mal konnte selbst das Große Festspielhaus nicht alle Interessenten fassen. Die Gruppe der „Suche Karte“-Personen vor dem Eingang glich jener bei besonderen Opernpremieren.

Chapeau! Den Saal mit dem „Lontano“ von György Ligeti erst einmal von allen Nebengeräuschen eines auch gesellschaftlichen Events zu befreien und Atmosphäre zu schaffen, ist eine ausgezeichnete Herangehensweise. Das 1967 uraufgeführte, streng durchgestaltete Werk für großes Orchester bewirkt ein Eintauchen in Klangflächen sowie eine Auseinandersetzung mit Klangfarben und einzelnen Instrumentalstimmen, das Manfred Honeck mit großer Behutsamkeit und nie auf jenen Effekt hin herausarbeitet, der Ligeti bei Filmschaffenden beliebt machte. Es ist auch ein Werk, das mit den Orchestereigenschaften konfrontiert, denn dass das Pittsburgh Symphony Orchestra in den Bläserreihen besondere Stärken hat, ist nicht einfach einer dieser ständig repetierten Sachverhalte. Es ist so.

Hohe Erwartungen erfüllt

Im Finale von Gustav Mahlers 1. Symphonie wird es ohnehin deutlich, und da kennt Honeck keine Scheu, die bekanntermaßen dabei oft stehend spielenden Hornisten so richtig groß auffahren zu lassen. Wer sich in seine Interpretation mit dem NDR-Orchester in der Elbphilharmonie eingehört hat, erfährt, dass diese Musikerinnen und Musiker mit ihrem Maestro den spätromantischen Jubel noch zu intensivieren verstehen und dennoch fern von Pathos bleiben. Die große Geschmeidigkeit im langsamen ersten Satz schürt bereits hohe Erwartungen, die Honeck – übrigens ohne Blick in die Noten dirigierend – erfüllt, wenn er die der Komposition innewohnenden Lieder betont herauskristallisiert und einen Gesamtbogen nicht vermissen lässt.

Spannung und Magie

Als Meister des gut überlegten Pianissimo ist er ein kongenialer Partner für Anne-Sophie Mutter. Dass die Virtuosin bei den Salzburger Festspielen nun mit dem Violinkonzert von Beethoven, op. 61, den Konzertsaal- bzw. Tonträgerhit schlechthin offeriert, erinnert daran, dass ihr Herbert von Karajan schon als Jugendliche empfahl, sich einem bzw. diesem Werk zu widmen, das nicht nur hohe Meisterschaft verlangt, sondern auch viel freie Entfaltung ermöglicht. Die Zwiesprache, die Mutter mit einzelnen Instrumenten hält, bleibt in ihrer Innigkeit unvergesslich, und die enorme Klarheit und die Transparenz der rasanten Läufe sind wohl unvergleichlich. Das gemäßigte Tempo, das sie wählt, aber auch leicht variiert, unterstreicht die Erzählkraft des Werks. Das verleiht Spannung und wohl auch Magie. CD