Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

„Wenn der Herr mir die Zeit gibt“

Kultur / 03.09.2022 • 15:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

In den letzten Jahren wurde er mit Ehrungen fast überhäuft. Er erhielt die Ehrenmitgliedschaft der Zentralvereinigung der Architekten Vorarlbergs (ZV), die Ehrengabe des Landes Vorarlberg, er war zentrales Thema in der Ausstellung „Vorarlberg – Ein Generationendialog“, die im Vorarlberger Architektur Institut Dornbirn und Architekturzentrum Wien gezeigt wurde, das vorarlberg museum und die ZV gaben das Buch „Karl Sillaber – Zeichnungen“ heraus und im Museum wurde die Ausstellung „Karl Sillaber und die Gruppe C4“ gezeigt. Am Donnerstag ist Karl Sillaber kurz nach seinem 90. Geburtstag gestorben.

Zuvorderst in seinem Leben war Karl Sillaber Architekt, einerseits Teil der Gruppe C4 mit Max Fohn, Helmut Pfanner und Friedrich Wengler, andererseits auch einzeln planend. Er war Träger des 1. Bauherrenpreises, des wichtigsten Architekturpreises in Österreich, für die Volksschule Nüziders im Jahre 1967, er stand damit ganz am Beginn der neuen Architektur in Vorarlberg. Er plante Schulen, Wohnungen, öffentliche Gebäude – und nicht zuletzt Klöster und Kirchen. Erinnert sei an die Renovierung der Pfarrkirche und Leonhards-Kapelle Sulzberg, an Pfarrkirche und Pfarrhaus auf der Fluh, die Nepomukkapelle und als ganz bedeutendes Werk die Herz-Jesu-Kirche in Bregenz. Besonderes Herzblut steckte Karl Sillaber in die Renovierung und den Umbau des Kapuzinerklosters in Feldkirch, seine letzte große Arbeit. Und immer, wenn man ihn nach der Zukunft gefragt hat, dann meinte er: „Wenn der Herr mir die Zeit gibt.“ Er war ein im besten Sinne gläubiger Mensch.

Besonderes Herzblut steckte Karl Sillaber in die Renovierung und den Umbau des Kapuzinerklosters in Feldkirch, seine letzte große Arbeit.“

Karl Sillaber war auch ein begnadeter Zeichner. Mehr als hundert kleine Büchlein hat er auf seinen Reisen als eine Art bildnerisches Tagebuch gezeichnet, weit mehr als 10.000 Zeichnungen sind so entstanden. Daraus durfte ich mit ihm etwa 230 auswählen und mit dem Museum und der ZV ein Buch machen. Architektur ist natürlich dabei, Landschaften, der Bodensee, viele Berge (oft mit dem Zusatz aus Psalm 111: „Groß sind die Werke des Herrn, zum Staunen für alle, die daran ihre Freude haben“), nicht zuletzt wunderbare Blumenbilder. Es ist die vielleicht persönlichste Erinnerung an Karl Sillaber, denn in diesen Zeichnungen findet man ihn wieder mit all seinen besonderen Eigenschaften. Manche waren ihm besonders wichtig. Treue etwa gegen seine Familie, gegenüber seiner Kirche, gegenüber Freunden. Korrekt wollte er sein, war er im geschäftlichen und privaten. Und er wollte das Leben, er wollte es mit seiner Frau Erika, mit seinen Kindern, mit seinen Freunden. Manchmal auch ausgelassen. Er war es noch vor genau einem Jahr in Assisi auf den Spuren des Hl. Franziskus – ein letzter Höhepunkt. Und dann wartete er auf das Wiedersehen mit seiner vor einem Jahr verstorbenen Frau. Nun hat er sie – das wollen wir hoffen – wieder in den Armen. Und wir sind traurig, weil wir ihn nicht mehr haben.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.