Wurzeln, die flügge werden

Kultur / 12.09.2022 • 18:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Miriam Dorner am Cello musizierte gemeinsam mit der aus Italien stammenden Harfenistin Gaia Sessa. VN/Paulitsch
Miriam Dorner am Cello musizierte gemeinsam mit der aus Italien stammenden Harfenistin Gaia Sessa. VN/Paulitsch

Tradition oder nächste Generation? Bei den Bregenzerwälder Festspielen heißt es: beides.

Sulzberg Um die 600 Mal wird eine Bregenzerwälder Juppe gefaltet. Jede Falte, die so an Form gewinnt, könnte für eine Generation stehen, die hinter der aktuellen Trägerin liegt.

Zumindest im aktuellen Projekt „Verwurzelt“, mit dem die Bregenzerwälder Festspiele 2022 zu Ende gegangen sind, ist das so. Dort ist es tatsächlich eine Juppe, die der Schauspielerin, Tänzerin und Sängerin Elena Bechter mal zum kleidenden Rock, mal zur einengenden Halskrause, mal zum geliebten Wiegenkind wird. Und so ist es ja auch mit der Tradition: Mal stützt sie, mal wiegt sie schwer.

Wie wichtig es ist, verwurzelt zu sein und wie wichtig es ist, sich jenseits aller Wurzeln Freiheit zu gönnen, das sind die Grundfragen, die hinter diesem Abend zwischen Text, Gesang, Musik, Tanz und Schauspiel standen. Schauplatz war der Dachboden des Alten Pfarrhofes in Sulzberg. Knorrig erzählte auch hier jeder Balken seine Geschichte von Wurzeln und Freiheit. Ein Kompliment hier zum einen an die Regie von Sabine Lorenz, der das Kunststück gelang, alle Fäden des Abends zusammenzuführen, und an den Verein Intracht, auf deren Kappe die Mitgestaltung des Bühnenbildes ging.

Neue Impulse

Denn der Ort war mehr als nur Schauplatz. Er wurde Teil der Geschichte von Sicherheit und Sehnsucht. Damit spiegelte der Abend das Lebensgefühl, das die heutige Generation vielleicht mehr denn je prägt – nicht nur im Bregenzerwald.

Das Schöne an den Bregenzerwälder Festspielen, einer heuer zum zweiten Mal stattfindenden Veranstaltungsreihe, ist es übrigens, dass hier vor Ort mit Menschen aus dem Tal gearbeitet wird. Gleichzeitig aber bringen Kooperationen auch neue Impulse. So entstanden die Texte, aus denen sich der „Verwurzelt“-Abend speiste, in einem eigenen Schreibworkshop.

Stimme der Sehnsucht

Geleitet von Amos Postner arbeiteten Bregenzerwälder Autorinnen und Autoren im Alter von zwölf bis 84 Jahren zusammen. Die Musik ist das nächste Beispiel für Kooperationen über die Alpen hinweg. Da war zum einen die 18-jährige Miriam Dorner am Cello, übrigens ein Name, den man sich unbedingt merken sollte. Sie musizierte gemeinsam mit der aus Italien stammenden Harfenistin Gaia Sessa. Auch hier nahmen die Instrumente den Charakter des Abends auf. Die Harfe wurde zur Stimme der Sehnsucht, während das Cello Geborgenheit anklingen ließ. Zwischen allem stand Elena Bechter, der es gelang, in ihrem Spiel immer wieder die Brücke zwischen den Generationen zu schlagen. Keine leichte Aufgabe, die sie schauspielerisch aber auch tänzerisch (Choreografie von Claudia Grava) einfach fabelhaft meisterte.

Leichtfüßig und doch mit vollem Herzen wurde „Verwurzelt“ so zu einer großen Liebeserklärung an Wurzeln, die auch flügge werden lassen. Ein schönes Experiment, das absolut geglückt ist. VF

Elena Bechter überzeugte als Schauspielerin und Tänzerin.
Elena Bechter überzeugte als Schauspielerin und Tänzerin.