Die Zuhörer bei der Hand genommen

Kultur / 08.11.2022 • 18:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Guy Speyers, Kurator von „texte & töne“, an der Viola, zusammen mit Komponist Gerald Futscher am Harmonium. Jurmann (2)
Guy Speyers, Kurator von „texte & töne“, an der Viola, zusammen mit Komponist Gerald Futscher am Harmonium. Jurmann (2)

Trotz Ausfällen hatte das Festival „texte & töne“ viele Neuigkeiten zu bieten.

DORNBIRN Das alljährliche Festival „texte & töne“ im ORF-Landesfunkhaus ist längst zu einer Trademark geworden. Die zehnte Ausgabe am Samstag war Anlass für ein kleines Jubiläum. In einer rasanten Entwicklung ist man längst abgegangen von üblichen Konzertdarbietungen, nimmt den Zuhörer bei der Hand, führt ihn in Komponistengesprächen mit Workshop-Charakter in die Materie ein und macht in den üppig disponierten Pausen auch das Foyer zu einer stark frequentierten Begegnungszone mit Diskussionen zwischen Produzenten und Konsumenten. In der Zeit von 15 bis 23 Uhr ist ein vielfältiges Programm mit allein sechs Uraufführungen geplant, das durch den Ausfall einer Geigerin freilich empfindlich beeinträchtigt wird.

Literatur Vorarlberg

Doch die Veranstalter mit Kulturkoordinatorin Jasmin Ölz-Barnay, die zusammen mit Eva Teimel von Ö1 auch kompetent durch das Programm führt, haben alles im Griff. Der Verein Literatur Vorarlberg mit Erika Kronabitter feiert bei „texte & töne“ sein 40-jähriges Bestehen, einige seiner 180 Mitglieder stellen sich dazu mit kurzen Beiträgen zum Thema „Fest“ ein: Jürgen-Thomas Ernst, Sarah Kuratle, Renate Aichinger, Ingrid Maria Kloser und Norbert Mayer. Musikalisch eröffnet der Komponist Gerald Futscher (60) mit originellen Liedern für Viola (Guy Speyers, rühriger Chef des Ensemble Plus) und Harmonium mit seinem „Timbre von zu cross gebratenen Hühnerkeulen“, das er selbst bis aufs Letzte traktiert. Weniger grausam sind seine Lieder nach Michel Houellebecq, denen die Mezzosopranistin Anna Hauf mit dem Ensemble Plus unter Thomas Gertner die Ausdruckskraft ihrer warmen Stimme gibt.

Vielseitiges Programm

Andere Musiker haben sich in ein anspruchsvolles, von Einflüssen der Bahai-Religion geprägtes Schlagzeugquartett des Feldkirchers Wolfgang W. Lindner (70) vertieft, reizen klangsinnlich die auf Metall und Holz erzeugten Töne in unglaublicher Präzision aus. Eine Besonderheit präsentiert der in München lebende und mit Vorarlberg eng verbundene Lindauer Rudi Spring (60). Sein 2014 entstandenes Streichquartett „in nomine“ nimmt zwei Sätze des Haydn-Streichquartetts op. 103 quasi in die Mitte und ergänzt sie mit zwei Ecksätzen, die zwar deutlich nach Spring klingen, aber in Stilistik und Tonalität in faszinierender Weise auf Haydn Bezug nehmen. Der Abend wird großteils vom Symphonieorchester Vorarlberg gestaltet, das traditionell vor übervollem Haus auftritt und enorme Begeisterung auslöst. Für Geschäftsführer Sebastian Hazod ist die Befassung seines Orchesters mit Neuer Musik essenziell, der vom Vorjahr bewährte österreichische Dirigent Leonhard Garms sorgt für eine sorgfältige Aufführung dreier großflächiger Werke. Die finnische Komponistin Kaija Saariaho imaginiert mit ihrem Flötenkonzert (Solist Alessandro Baticci) das Gefühl des Fliegens über eine weite Landschaft. Von der Pandemie beeinflusst war der aus Russland stammende Wladimir Rosinskij bei seinem Auftragswerk für das SOV, einem virtuos verschachtelten Concerto grosso „Tunnels of Coliseum“. Für den steirischen Komponisten Klaus Lang ist Musik in seinem einfühlsamen Werk „Ionisches Licht“ hörbar gemachte Zeit. Den Nerv des Publikums trifft Jazzer und Komponist Benny Omerzell mit seiner modisch zwischen Minimalistik und New Age angesiedelten Late Night Show „Perpetuum Immobilis“ mit dem Ensemble Plus.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.