Was darf man noch sagen?

Kultur / 14.11.2022 • 07:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Peter Bilger (Obmann des Theaters am Saumarkt, leitete die anschließende Diskussion) sowie die Philosophin Svenja Flaßpöhler. <span class="copyright">bi</span>
Peter Bilger (Obmann des Theaters am Saumarkt, leitete die anschließende Diskussion) sowie die Philosophin Svenja Flaßpöhler. bi

Vortrag und Diskussion mit der Philosophin Svenja Flaßpöhler im Theater am Saumarkt.

Feldkirch Dass die Formatreihe „Tangenten“ des Theaters am Saumarkt in Feldkirch mit ihren Themen stets am Puls der Zeit ist, wurde am vergangenen Samstag einmal mehr deutlich.

Zahlreiche Besucher kamen zum Vortrag und zur Diskussion mit der Philosophin Svenja Flaßpöhler. Die renommierte Autorin ist Teil der Programmleitung des Kölner Philosophie-Festivals, leitende Redakteurin für Literatur und Geisteswissenschaften beim Deutschlandfunk Kultur sowie seit vier Jahren Chefredakteurin des Philosophie Magazins. In der Veranstaltung stand ihr neuestes Buch „Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren“ im Fokus.

Das Trennende der Empfindlichkeit

Walter Müller, Teammitglied der Tangenten, gab in seiner Einleitung einen prägnanten Überblick über die Themen des Buchs. In zahlreichen Stationen, beginnend mit der mittelalterlichen Feudalgesellschaft, skizziert Faßpöhler in Anlehnung an Norbert Elias‘ Theorie vom „Prozess der Zivilisation“ eine rund tausend Jahre dauernde Entwicklung, die in Summe einen Menschen hervorgebracht hat, der seine Affekte weitgehend zu kontrollieren vermag und zur empathischen Zuwendung fähig geworden ist, gerade auch zu marginalisierten Gruppen der Gesellschaft. Die Autorin sieht in der gesteigerten Sensibilität und im Ethos der Rücksichtnahme einen kulturellen Fortschritt: Menschen schützen sich gegenseitig in ihrer Verletzlichkeit, werden empfänglicher für eigene und fremde Gefühle, lernen sich in fremde Schicksale hineinzuversetzen und zu solidarisieren. Doch diese Sensibilität hat auch eine Kehrseite. „Wir erleben gerade, wie diese eigentlich konstruktive Kraft der Sensibilität in Destruktivität umzuschlagen droht. Anstatt zu verbinden, trennt uns die Empfindlichkeit. Sie zersplittert Gesellschaften in Gruppen“, so Flaßpöhler.

Eigenverantwortung des Individuums

Die Philosophin unterschied zwischen passiver und aktiver Sensibilität und wog die jeweiligen Ambivalenzen dieser Begriffe gegeneinander ab. Empfindlichkeit sei in der Gesellschaft eher negativ konnotiert, Empfindsamkeit aber eher positiv. „Wir sollten uns der Ambivalenzen in unserer Wohlstandsgesellschaft sehr gewahr sein“, betonte die Autorin. „Die Messer fliegen tief in diesem Kampf um Identitäten, seien sie kulturell, sexuell, ästhetisch oder die Hautfarbe betreffend“, erklärte Walter Müller und führte als Beispiel den Eklat eines Übersetzungsauftrags zu einem Gedicht von Amanda Gorman an. Was darf man noch sagen? Warum „gendern“ wir Sprache und ab wann ist eine Berührung eine Belästigung? Und nicht zuletzt: Wie lassen sich Vorurteile und Diskriminierung vermeiden? Das Themenfeld, das sich anhand dieser Fragen auftut, ist riesig. Svenja Flaßpöhler votiert in all diesen Fragen für Augenmaß und erinnert daran, dass die eigene Gefühlslage keine letzte Begründung bietet, dass die Verletzlichkeit des Individuums und sein Recht auf Schutz die Widerstandskraft und Eigenverantwortung des Einzelnen nicht erübrigen, sondern als Korrektiv geradezu einfordern. „Lasst uns mit Sensibilität, aber auch einer Portion Kantigkeit durchs Leben gehen“, forderte Walter Müller auf.

Monika Bischof

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