Raritätenpflege im Chorrepertoire

Kultur / 18.11.2022 • 17:58 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die komplette Besetzung mit Chor, Orchester, Dirigentin Dagmar Marxgut und den vier Solisten.  Jurmann
Die komplette Besetzung mit Chor, Orchester, Dirigentin Dagmar Marxgut und den vier Solisten. Jurmann

Ensemble Kontrapunkt überzeugt mit Michael Haydns Requiem in c-Moll.

DORNBIRN Seitdem sie 2004 das Ensemble Kontrapunkt übernommen hat, ist die Chorleiterin Dagmar Marxgut mit Erfolg bemüht, ihre jährlichen Auftritte mit der Wiedererweckung vergessener klassisch-romantischer Raritäten im Konzertleben zu verbinden.

Beim Konzert am Sonntag vor einem aufmerksamen und begeisterten Publikum in der Kirche St. Sebastian war diesmal eine Auswahl von Werken Johann Michael Haydns angesagt, dem „anderen“ Haydn. Viele haben ihn in Kindertagen früher kennengelernt als den älteren, weit berühmteren Bruder Joseph. Denn in den Kirchen sang man damals mit Inbrunst als „Betsingmesse“ noch die „Haydn-Messe“ mit dem Eingangslied „Hier liegt vor Deiner Majestät“, die Johann Michael in bewusster Volkstümlichkeit „zum Gebrauch für Stadt und Land“ komponiert hatte.

Etwas von diesem leicht verständlichen Zugang zu seiner Musik zeichnet auch Haydns vierstimmige lateinische Chorwerke aus, die diesmal mit dem sogenannten „Schrattenbach-Requiem“ c-Moll von 1771 zum Ableben seines Gönners als sein erstes bedeutendes Werk im Zentrum präsentiert werden. Allerdings braucht es noch etwas Anlaufzeit, bis das Ensemble Kontrapunkt auf die gewohnte Betriebstemperatur kommt. Weil den knapp 30 Sängerinnen und Sängern quasi a-cappella anstelle des Orchesters nur die beiden ausgezeichneten Instrumentalsolisten Dorit Wocher, Kontrabass, und Helmut Binder, Orgel, als Continuo-Stütze zur Seite stehen, wirken auch die einleitenden Responsorien mit ihren homophon-gleichrhythmischen Vertonungen noch nicht wirklich überzeugend.

Schönheiten des Sakralwerks

Das ändert sich sofort mit dem Requiem, als Leben ins Geschehen kommt, der Chor in gewohnter Ausdruckskraft, Sicherheit und Klangkultur von Dagmar Marxgut zum Leuchten gebracht wird. Die erfahrene Chorleiterin hat die Sängerin intensiv auf diese Aufgabe vorbereitet, disponiert alles mit sicherer Hand und großer Übersicht.

Die Aufführung rückt die besonderen Schönheiten dieses bedeutenden und leider vernachlässigten Sakralwerks ins rechte Licht, seine spirituelle Tiefe, die schmerzlichen Wendungen und leidenschaftlichen Ausbrüche. Man spürt im Chor die innere Ruhe beim einleitenden „Requiem aeternam“, die rhythmische Sicherheit bei kontrapunktisch gearbeiteten Teilen wie dem packenden „Cum sanctis tuis“, die machtvolle Klangentfaltung im „Sanctus“. In stetem Wechsel dazu ergänzt ein wunderbar in sich harmonierendes, hochklassiges Solistenquartett aus heimischen, teils international tätigen Kräften, das im ungewohnt heiteren „Benedictus“ seinen besonderen Auftritt hat. Isabel Pfefferkorn, eigentlich ein Mezzo, führt auch in dieser Sopranpartie die Wärme und Leichtigkeit ihrer Stimme überzeugend ins Treffen. Mit feinsinniger lyrischer Pianokultur erfüllt Martina Gmeinder ihre Altpartie, metallisch auftrumpfend und hellstimmig gibt sich der bayerische Tenor Michael Etzel, wohltuend gerundet und klar konturiert der Bariton von Lothar Burtscher.

Originalgetreu zur Entstehungszeit ist auch das Orchester mit heimischen Musikern klein besetzt, blüht aber auch mit wenigen Streichern, Blech, Pauken und Orgel dezent und klangschön auf. Daraus schält sich auch ein ausgezeichnet aufeinander eingespieltes Streichquartett mit zwei Sätzen aus dem A-Dur-Quartett. Zum Abschluss meldet sich Johann Michael Haydn, wieder von allen gemeinsam musiziert, in seinem schlicht eingängigen „Salve Regina“ mit einer volkstümlichen Verehrung der Gottesmutter. JU

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