Notwendige Sichtbarmachung

Kultur / 16.12.2022 • 19:08 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Auslöschung“ von Marko Zink. Marko Zink
„Auslöschung“ von Marko Zink. Marko Zink

Mauthausen-Projekt des Vorarlberger Künstlers Marko Zink wurde im Vorarlberg Museum gut aufbereitet.

Bregenz Die Themen des Vorarlberger Fotokünstlers Marko Zink (geb. 1975 in Gaschurn) sind vielschichtig, berühren die Selbstfindung, persönliche und historische Ereignisse, beziehen sich auf literarische Texte oder Orte. Für das Projekt über die KZ-Gedenkstätte im oberösterreichischen Ort Mauthausen hat er sich viel Zeit genommen, sich immer wieder im ehemaligen Vernichtungslager der Nationalsozialisten aufgehalten, in dem mindestens 90.000 Menschen ermordet wurden. Die Arbeiten, die Zink mit auf dem Gelände entstandenen Aufnahmen schuf, wurden zuerst in Wien gezeigt. Barbara Glück, Direktorin der KZ-Gedenkstätte, holte sie, wie berichtet, vor rund drei Jahren für mehrere Monate nach Mauthausen. Die Kunstwerke entsprechen ihrem Konzept der Vermittlungsarbeit, in der unter anderem die Frage aufgeworfen wird, welche Handlungsoptionen die Bevölkerung damals hatte und welche jeder Einzelne heute hat.

Ein mehrteiliges Werk – jenes mit dem Titel „Die Wiederholung“ – zeigt die Baracken aus einer Distanz. Die Negative wurden so bearbeitet, dass eine Art Einschusslöcher sichtbar wurde. Im Februar 1945 unternahmen etwa 500 Häftlinge einen Fluchtversuch. Etwa 300 gelang es, dem Kugelhagel des Wachpersonals zu entkommen, bis auf sehr wenige Personen kamen aber alle bei der von der Lagerleitung ausgerufenen „Menschenjagd“ ums Leben, an der sich auch Wehrmachtsangehörige und zahlreiche Zivilisten beteiligten.

Geschichte und Gegenwart

Marko Zink hat dieses Werk sowie auch einige, die erst im Vorjahr entstanden sind, in die Auswahl für die Ausstellung aufgenommen, die das Vorarlberg Museum in Bregenz nun zeigt. Der Titel „M 48° 15′ 24.13″ N, 14° 30′ 6.31″ E“ bezeichnet die Koordinaten von Mauthausen, einem Ort, in dem das Grauen wie die Tötungsarten dokumentiert sind. Zu ihnen gehörten Schwerstarbeit, etwa im nahegelegenen Steinbruch bei weitgehendem Entzug von Nahrung, Erschießungen, das Erschlagen oder das Ersticken durch Gas sowie der Missbrauch für medizinische Forschungen. Ein anderes Werk zeigt eine der stehengelassenen Baracken. Hier sind es Kratzspuren, die aus der Bearbeitung der Filme resultieren, die Zink vor der Belichtung kocht oder mit Chemikalien behandelt. Sie wirken wie willkürlich angeordnete Vermessungslinien. In eine Baracke mit den Ausmaßen von 52 x 8 Metern wurden 500 Menschen gepfercht, mitunter waren es mehr. Das Bild „Der Blick ins Nichts“ enthält 500 Einzelaufnahmen der Baracke, die für die Augen der Inhaftierten stehen. Mit der mit amorphen Aussparungen versehenen Aufnahme vom großen Appellplatz im heutigen Ausmaß konfrontiert Marko Zink mit der Gegenwart und der Gefahr der Auslöschung von Geschichte.

Vermittlung

Bei seinen Besuchen in der Gedenkstätte hat er sich immer wieder gefragt, ob seine auf den Ort bezogene künstlerische Arbeit wohl erlaubt ist. Sein Mauthausen-Projekt ist mittlerweile zu einer Wanderausstellung geworden, die im Vorarlberg Museum mit erläuternden Texten von den Kuratorinnen Christina Jacoby und Kathrin Dünser einfühlsam positioniert und mit dem Verweis auf das Vermittlungsangebot von erinnern.at, des Jüdischen Museums in Hohenems und weiterer Einrichtung versehen wurde. Veranstaltungen zur Vertiefung sind geplant. Am Holocaust-Gedenktag, dem 27. Jänner, wird Marko Zink Führungen anbieten. Mit seinen Arbeiten verweist er nicht nur auf das Geschehene und formt einen Bogen in die Gegenwart, er thematisiert zugleich Erinnungs-, Gedenk- und Reflexionsarbeit. Gut, dass die Aufnahme „Marbacher Linde“ dabei ist. Sie zeigt ein Feld in 200 Metern Entfernung von der Gedenkstätte. Hier wurden kurz vor der Befreiung des Lagers Tausende Leichen verscharrt. Jegliche Hinweistafel darauf fehlt.

Blick in den zweiten Teil der Ausstellung im Vorarlberg Museum.
Blick in den zweiten Teil der Ausstellung im Vorarlberg Museum.
Arbeit „Der Blick ins Nichts“ von Marko Zink. Marko Zink, CD, VM/Furxer
Arbeit „Der Blick ins Nichts“ von Marko Zink. Marko Zink, CD, VM/Furxer
Marko Zink wurde am Donnerstag beim ersten Rundgang durch die Ausstellung digital zugeschaltet.
Marko Zink wurde am Donnerstag beim ersten Rundgang durch die Ausstellung digital zugeschaltet.

Zur Person

Marko Zink

Geboren 1975 in Gaschurn

Ausbildung Akademie der bildenden Künste, Schule für künstlerische Fotografie, Studium Germanistik, Publizistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien

Einzelausstellungen Galerie Michaela Stock, Wien; Schauspielhaus Graz; Museum of Contemporary Art in Zagreb; Vorarlberg Museum; Künstlerhaus Bregenz; Gedenkstätte Mauthausen etc.

Ankäufe Stiftung Leopold Museum, Land Vorarlberg, Sammlung Angerlehner, Gedenkstätte Mauthausen, Schweizerische Stiftung für Fotografie etc.

Geöffnet ist die Ausstellung mit Arbeiten von Marko Zink im Vorarlberg Museum in Bregenz vom 16. Dezember 2022 bis 16. April 2023.

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