Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Alle Jahre wieder

Kultur / 20.01.2023 • 18:06 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Auch heuer wiederholt sich von Ende Jänner bis zu den Semesterferien Mitte Februar das gleiche Drama: Tausende Kinder der vierten Volksschulklassen fiebern den Semesternoten entgegen, die Grundlage für die mögliche Aufnahme in ein Gymnasium sind. Im Normalfall sind dafür ausschließlich Einser notwendig, schon ein „Gut“ im Zeugnis kann die Zulassung für die Langform des Gymnasiums verhindern. Aber natürlich sind nicht nur die Kinder im Stress, Eltern setzen sich ebenso wie auch Lehrpersonen unter Druck, nur damit die Kinder dem vermeintlichen Schreckgespenst „Mittelschule“ entkommen mögen. Und genau deshalb hängt das Bildungssystem in dem Teufelskreis, dass die besseren Schüler ins Gymnasium gehen, die vermeintlich schlechteren aber in die Mittelschule müssen. Alljährlich um diese Zeit wiederholt sich ebenso die politische Diskussion zum Thema, wie die letzten Tage zu verfolgen war. Es scheint kein Entkommen aus diesem jährlichen Dilemma zu geben – dabei wäre die Lösung ganz einfach.

Am Beispiel des Bregenzerwaldes lässt sich das leicht belegen. In dieser Talschaft gibt es keine Langform des Gymnasiums, sondern „nur“ ein Oberstufenrealgymnasium in Egg und die Wirtschaftsschulen in Bezau, die auch mit Matura abgeschlossen werden können. Die Egger Schule bietet verschiedene Spezialisierungen, beispielsweise einen bildnerischen, einen musischen und einen Zweig für Natur und Technik, in Bezau gibt es eine Handelsakademie und eine Schule für Tourismus. Der allergrößte Teil der Bregenzerwälder Schüler, die früher internatsmäßig in die Gymnasien nach Bregenz gehen mussten, wenn sie eine Matura erreichen wollten, besuchen heute die Mittelschulen im Tal. Es gibt kein Auswahlverfahren mit zehn Jahren, die besten Schüler mischen sich mit den anderen. Kein Druck in der vierten Volksschulklasse, kein Stress für Schüler, Eltern, Lehrer, die Kinder bleiben bis zur achten Schulstufe in einer gemeinsamen Schule. Und das ist das, was es in Vorarlberg eigentlich schon lange für alle geben sollte.

Der Vorarlberger Landtag hat nämlich 2015 die gemeinsame Schule bis 14 Jahre als Modellregion beschlossen, diesen Beschluss aber nie in die Umsetzung gebracht. Denn ziemlich schnell gab es Querschüsse aus Wien, die neue türkise ÖVP wollte keine Gemeinsame Schule, wollte keine Modellregion. Und so bekam man auch in Vorarlberg kalte Füße und ließ das fortschrittliche Vorhaben langsam sterben. Trotz Beschlusses des Landtags gibt es keine Ansätze zu einer Gemeinsamen Schule. Das Ergebnis: Wir haben wieder zu jedem Schulhalbjahr die Tragödie, bei der vor allem die Schüler unter die Räder kommen. Der Landtag hätte es in der Hand: Man müsste nur die eigene Entscheidung, nämlich die Modellregion, in die Tat umsetzen.

„Es gibt kein Auswahlverfahren mit zehn Jahren, die besten Schüler mischen sich mit den anderen.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

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