Triumph des exzellenten Musizierens

Kultur / 08.08.2023 • 14:20 Uhr
Die französische Dirigentin Marie Jacquot avancierte zur ungekrönten Königin am Pult der diesjährigen Orchesterkonzerte.   <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/ Lisa Mathis</span>
Die französische Dirigentin Marie Jacquot avancierte zur ungekrönten Königin am Pult der diesjährigen Orchesterkonzerte. Bregenzer Festspiele/ Lisa Mathis

Französische Dirigentin Marie Jacquot überstrahlte das 3. Orchesterkonzert der Symphoniker.

BREGENZ Wer heute die Orchesterkonzerte der Bregenzer Festspiele in der Erwartung besucht, sich zum x-ten Mal seine geliebten Ohrwürmer anzuhören, ist eindeutig auf dem falschen Dampfer. Gerade beim jüngsten dritten Konzert am Montag war nichts zu hören, was an einen Publikumsschmeichler erinnerte, trotzdem gab es ein ausgebuchtes Festspielhaus und begeisterte Reaktionen. Das Faszinosum dabei liegt einfach an der Qualität des exzellenten Musizierens, mit der diese unbekannten Stücke überhöht werden.

Begeisterte Reaktionen im ausverkauften Festspielhaus.  <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/ Lisa Mathis</span>
Begeisterte Reaktionen im ausverkauften Festspielhaus. Bregenzer Festspiele/ Lisa Mathis

Da ist der fabelhafte Geigensolist Benjamin Schmid, dem man noch lange hätte zuhören mögen, da sind „unsere“ Wiener Symphoniker, die nach den beiden glänzend gemeisterten Opern am See und im Haus auch hier wieder ihre Topform als europäisches Spitzenorchester zur Schau stellen. Schließlich wird auch die Begegnung mit der jungen französischen Dirigentin Marie Jacquot, die schon bei ihrem Debüt im Vorjahr einen hervorragenden Eindruck hinterlassen hat, zum umwerfenden Ereignis, das sie zur ungekrönten Königin am Pult der heurigen Orchesterkonzerte macht.

Marie Jacquot war mit ihrem Charisma voll in ihrem Element.  <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/ Lisa Mathis</span>
Marie Jacquot war mit ihrem Charisma voll in ihrem Element. Bregenzer Festspiele/ Lisa Mathis

Wer immer auch diese Reihe programmiert – er oder sie muss ein feines Näschen haben, ein untrügliches Gespür für versteckte Schätze der Orchesterliteratur, die ans Licht gehören. Ein solcher ist zweifellos die Suite von acht Walzern, in der sich der Franzose Maurice Ravel 1911 an einer ähnlichen Reihe von Franz Schubert orientierte, parfümiert „Valses nobles et sentimentales“ („edle und gefühlvolle Walzer“) geheißen. Der allen neuen Trends aufgeschlossene Komponist beließ es allerdings nicht bei den schönen Biedermeier-Melodien im Dreivierteltakt, er gab ihnen alles mit auf den Weg, was sich seither an musikalischer Entwicklung getan hatte: leicht geschärfte Harmonien, rhythmische Verschiebungen, humoristisch karikierende Elemente. Nur der Walzer Nr. 5 kommt „normal“ (!) als Konzertwalzer daher, der von Schani Strauß persönlich hätte sein können. Musiker und Dirigentin haben ebenso wie die Zuhörer ihren Spaß an dieser schwankenden Doppelbödigkeit.

Die Wiener Symphoniker zeigten sich einmal mehr in Bestform als europäisches Spitzenorchester.  <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/ Lisa Mathis</span>
Die Wiener Symphoniker zeigten sich einmal mehr in Bestform als europäisches Spitzenorchester. Bregenzer Festspiele/ Lisa Mathis

Im Zentrum des Programms steht nichts weniger als eine österreichische Erstaufführung. Es ist das 1949 entstandene dritte Violinkonzert der bei uns unbekannten polnischen Komponistin und Geigerin Grazyna Bacewicz (1909 – 1969). Nicht nur von ihrer Herkunft, auch von der Handschrift ihrer Musik erinnert sie an ihren Landsmann und Zeitgenossen, den Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919 – 1996), der 2010 durch die Wiederentdeckung seiner Oper „Die Passagierin“ durch David Pountney von Bregenz aus posthum eine fulminante europäische Wiederentdeckung feierte.

Der Violinsolist Benjamin Schmid, dem man noch lange hätte zuhören wollen.   <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/ Lisa Mathis</span>
Der Violinsolist Benjamin Schmid, dem man noch lange hätte zuhören wollen. Bregenzer Festspiele/ Lisa Mathis

Ob das mit Bacewicz‘ aus der Spätromantik in Dvorák-Nähe heraus weiterentwickelte Violinkonzert im heutigen Repertoirebetrieb der Fall sein wird, bleibt allerdings fraglich, weil das Werk letztlich doch nicht diese zwingende musikalische Ausdruckskraft, dieses Erdige und zugleich Visionäre aufweist, wie man sie in der Schostakowitsch-nahen Harmonik eines Weinberg findet. Aber es ist immerhin eine Festspiel-Entdeckung, die sich gelohnt hat. Der namhafte österreichische Geiger Benjamin Schmid erfüllt auf seiner Stradivari das anspruchsvolle Werk mit sprühendem Leben und süßem Ton, auch mit dem gebührenden slawischen Geist und tänzerischen Temperament.

Benjamin Schmid erfüllte das anspruchsvolle Werk mit sprühendem Leben und weichem Ton.   <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/ Lisa Mathis</span>
Benjamin Schmid erfüllte das anspruchsvolle Werk mit sprühendem Leben und weichem Ton. Bregenzer Festspiele/ Lisa Mathis

Die Symphonie Nr. 1 in e-Moll des Finnen Jean Sibelius zum Abschluss ist weit mehr als ein erster Versuch in diesem Genre, dem sechs weitere folgen sollten. Es ist ein durchaus ausgereiftes, kompaktes Tongemälde von reinster Romantik, mit einem in den 50 Streichern immer wieder aufblühenden, farbenprächtigen Melodienreichtum von hoher Intensität. Am Konzertmeisterpult werden sie diesmal angeführt von Sophie Heinrich, die auch an der Stella Feldkirch unterrichtet. Die Frau am Dirigentenpult ist da mit ihrer Ausstrahlung nun voll in ihrem Element, steuert das Orchester in den vielen eruptiven Aufbrüchen, disponiert sehr genau die Balance der Register und entfaltet dabei eine Energie, die man der schlanken, eleganten Marie Jacquot kaum zugetraut hätte. Und die rund 80 Musiker ziehen dabei voll mit, da ist ein Geben und Nehmen, ein Wollen und Können, das zu fantastischen Klangerlebnissen führt.


FRITZ JURMANN

Letztes Orchesterkonzert der Bregenzer Festspiele: 20. August, 11 Uhr, Festspielhaus Symphonieorchester Vorarlberg, Dirigent: Leo McFall, Solist: Kian Soltani, Violoncello