Die Wiederholung als höchste Form des Pop

Kultur / 04.01.2026 • 14:38 Uhr
Die Wiederholung als höchste Form des Pop
Für Cordoba78 war der Auftritt im Dornbirner Spielboden wahrlich ein Heimspiel. VN/HF

Im Spielboden zeigt sich Pop nicht als Innovation, sondern als gut geöltes Gefühlssystem.

Dornbirn Pop ist kein Aufbruch mehr. Pop ist ein Versprechen auf Wiederholung. Er sagt nicht: So etwas gab es noch nie, sondern: Du kennst das – und wirst es trotzdem wieder fühlen. Das ist kein Altersproblem, sondern sein Betriebssystem. Pop lebt davon, Gefühle so lange zu drehen, bis sie vertraut werden. Und vertraut heißt nicht harmlos, sondern benutzbar. Wie ein altes Sofa, das hässlich ist, aber genau weiß, wo man einsinkt.

Im Spielboden bekam dieses Prinzip an einem späten Dezemberabend Gestalt. Volles Haus, konzentrierte Stimmung, ein Publikum, das nicht aus Versehen da war und auch nicht ironisch. Niemand stand mit verschränkten Armen herum wie ein Kunststudent, der hofft, beim Missfallen erwischt zu werden. Gardens eröffneten mit einem Set, das wohltuend unaufgeregt blieb. Indiepop ohne Überhöhung, ohne den nervösen Wunsch, etwas Neues zu sein – was oft nur heißt: etwas, das in drei Monaten wieder peinlich wirkt. Songs, die funktionierten, weil sie sich nicht entschuldigten für das, was sie waren. Eine Eigenschaft, die man inzwischen fast schon als Charakterzug bezeichnen muss.

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Cordoba78 gingen danach näher heran. Sie taten das, was Pop tun sollte, aber häufig vermeidet, weil es mit Risiko verbunden ist: Sie stellten Beziehung her. Heimspiel, ja – aber nicht als Regionalfolklore, sondern als emotionaler Raum. Die Texte wurden mitgesungen, nicht aus Pflichtgefühl oder nostalgischer Selbstvergewisserung, sondern aus Zustimmung. Man hört die Nähe zu Wanda oder AnnenMayKantereit deutlich: große Gefühle, einfache Sprache, Pathos ohne ironische Sicherheitsleine. Kein Zwinkern, kein „nicht so gemeint“. Das ist riskant, wie jemand, der bei einer Familienfeier ehrlich antwortet, wenn man ihn fragt, wie es ihm geht.

Rund 60.000 monatliche Spotify-Hörerinnen und -Hörer sind dabei weniger Erfolgsmeldung als Zustandsbeschreibung. Dieser Pop funktioniert, weil er vertraut ist. Er überrascht nicht, er beruhigt aber auch nicht. Er ist eher wie ein gut geölter Einkaufswagen: nicht aufregend, aber man kommt damit erstaunlich weit. Er sagt: Das gilt noch. Und das ist mehr, als viele andere gerade sagen können.

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Natürlich kann man darüber die Nase rümpfen. Man kann Pop auch behandeln wie löslichen Kaffee: grundsätzlich verdächtig, aber erstaunlich oft im Einsatz. Pop war nie Avantgarde. Er war immer die Kunstform, die Gefühle so lange wiederholt, bis sie kollektiv werden. Wer ihm permanent Grenzüberschreitung abverlangt, verlangt vom Toaster, ein Gedicht zu schreiben – und ist dann beleidigt, wenn nur Brot herauskommt.

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In der Zugabe kommt der größte Hit. Selbstverständlich. Alles andere wäre unhöflich. Das Publikum ist glücklich. Nicht im pathetischen Sinn, sondern im brauchbaren. So glücklich, wie man es ist, wenn der letzte Zug noch fährt oder der Wirt nicht schon um zehn zusammenräumt.

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Dass solche Abende im Spielboden stattfinden, ist keine Sensation. Zum Jahresende war es schlicht eine sehr gute Party. Davon dürfte es dort ruhig öfter geben. Pop muss nicht ständig erklärt oder verteidigt werden. Manchmal reicht es, wenn der Raum voll ist, die Leute bleiben – und niemand behauptet, das sei zu wenig.