András Schiff brillierte mit Bach

Der österreichisch-ungarische Pianist spielte “das größte Werk des größten Komponisten, der je gelebt hat“.
St. Gallen Live hört man diese 90 Minuten am Stück sehr selten. Am vergangenen Wochenende hat der Pianist András Schiff sich in der Tonhalle St. Gallen dieser Herausforderung gestellt. Schiff bezeichnete Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge” einmal als „das größte Werk des größten Komponisten, der je gelebt hat”. Die „Kunst der Fuge“ entstand am Ende von Bachs Leben: ohne Angabe eines Instruments, ohne äußeren Zweck und ohne Rücksicht auf Aufführungskonventionen. Was bleibt, ist reine musikalische Logik, ein Zyklus aus Fugen und Kanons, die alle aus einem einzigen Thema gewonnen sind. Dieses Thema verwandelt sich, spiegelt sich, verdichtet und vergrößert sich, zieht sich wieder zurück, bis aus einem schlichten Gedanken ein ganzes Universum entsteht. Diese Musik ist kein Konzert im herkömmlichen Sinne, eher ein Denkraum, eine klingende Architektur: streng gebaut und zugleich von erstaunlicher Freiheit.
Dass sich Sir András Schiff diesem Werk am Klavier widmet, ist sowohl biografisch als auch künstlerisch folgerichtig. 1953 in Budapest geboren, früh geprägt durch musikliebende Eltern und ausgebildet an der Franz-Liszt-Akademie, fand er über die Begegnung mit dem Dirigenten George Malcolm zu Bach, der fortan zum Zentrum seines musikalischen Denkens wurde. Schiff hat oft betont, technische Übungen abgelehnt zu haben, da er Technik aus der Musik selbst entwickeln wollte. In der „Kunst der Fuge“ wird diese Haltung zur Voraussetzung. Hier zählt nicht Virtuosentum, sondern Durchdringung, Klarheit und Maß.
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Der Beginn des Abends wirkte zunächst etwas zurückgenommen. Schiff spielte makellos, von souveräner Kontrolle getragen, doch schien er sich dem Werk tastend zu nähern, als wolle er den Raum erst abstecken, bevor er ihn vollständig betritt. Erst nach einigen Minuten stellte sich jene selbstverständliche Ruhe ein, aus der heraus diese Musik ihre eigentliche Wirkung entfaltet. Dann öffnete sich der Klang, die Stimmen traten deutlicher zueinander in Beziehung, die Linien begannen zu sprechen.
Schiff verstand es, die große Form über die gesamten rund neunzig Minuten hinweg zusammenzuhalten. Jede Fuge erhielt ihr eigenes Profil, ihren eigenen Atem, ohne je aus dem Zusammenhang zu fallen. Besonders eindrucksvoll war die Transparenz, mit der er die Stimmen führte: klar voneinander abgegrenzt und dennoch organisch verbunden. Hier wurde nichts demonstriert, nichts ausgestellt. Alles folgte einer inneren Notwendigkeit, die sich dem Hören mitteilt, wenn man bereit ist, sich ihr anzuvertrauen.
Die berühmte Offenheit des Werks, seine Freiheit von festgelegter Klanggestalt, erwies sich am Klavier nicht als Einschränkung, sondern als Konzentration. Von besonderer symbolischer Kraft ist der unvollendete Schluss. Die letzte Fuge bricht mitten im Verlauf ab, just in dem Moment, in dem Bach seinen eigenen Namen in Tönen in das Geflecht einführt. Ob Krankheit, Tod oder bewusste Setzung den Abbruch verursachten, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Doch dieser Schluss hat die Rezeption des Werks entscheidend geprägt. Die Kunst der Fuge endet nicht mit einem Triumph, nicht mit einer Auflösung, sie endet mit einer Frage, mit einem Innehalten, das den Blick über das Werk hinaus lenkt und die Endlichkeit des menschlichen Schaffens spürbar macht.
Dieses Konzert verlangte Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf eine Musik einzulassen, die sich selbst genügt. Bachs „Kunst der Fuge“ erschien nicht als Denkmal, sondern als lebendiges Werk, getragen von einem Interpreten, der seine Erfahrung ganz in den Dienst einer Musik stellt, die nichts anderes will, als verstanden zu werden.