Die Kunst des Kaum-Sichtbaren

Nachdem das “Haus” aus dem Kunsthaus ausgezogen ist, zeigt die südkoreanische Künstlerin eine Ausstellung, die von Zurückhaltung und Wahrnehmung geprägt ist.
Bregenz Zuletzt war im Kunsthaus Bregenz ein bewohnbares Haus von einem/r anonymen Künstler/in zu sehen, das künftig am Stadtrand von Basel als künstlerische Residenz und Ausstellungsraum weitergenutzt werden soll. Mit der Ausstellung von Koo Jeong A schlägt das KUB nun einen ruhigeren, stärker auf Wahrnehmung und Präsenz konzentrierten Ton an.

Für Direktor Thomas D. Trummer bietet das Kunsthaus Bregenz die optimalen Rahmenbedingungen für die neue Ausstellung der Künstlerin, die Südkorea 2024 bei der Biennale in Venedig vertreten hat. Koo Jeong A richtet in “Land of Ousss (Gravitta)” den Blick auf das Beiläufige, auf Phänomene an der Schwelle des Wahrnehmbaren. Klänge, Gerüche und sparsame Gesten machen Unsichtbares erfahrbar. Ihre Arbeiten sind von großer Zurückhaltung geprägt, mit wenigen, präzise gesetzten Mitteln entwickelt sie eine Präsenz, die sich erst im langsamen Wahrnehmen entfaltet. Im KUB findet diese Haltung einen Resonanzraum, der das Feine, Kaum-Sichtbare zur Geltung bringt.

Bereits im Erdgeschoss ordnet eine großformatige skulpturale Setzung den Raum neu. Eine weit gespannte Linie zieht sich mit ruhigem, selbstverständlichem Schwung durch den Saal, hebt sich an den Enden aus dem Boden und senkt sich in der Mitte wieder. Der Bogen ist Teil eines gedachten Skateparks, ein Motiv, das die Künstlerin schon öfter verwirklicht hat, zum Beispiel in Mailand im Außenraum eines Parks oder im Haus der Kunst in München. In Bregenz erscheint sie jedoch aus ihrem funktionalen Zusammenhang gelöst: Die Bahn ist nicht benutzbar, Bewegung findet nicht statt, sie wird imaginiert. Das Auge folgt der Kurve und antizipiert eine Fahrt, ohne sie auszuführen. Alle 15 Minuten wird der Raum verdunkelt, die Skulptur beginnt zu leuchten und gibt das zuvor gespeicherte Licht in einem phosphoreszierenden Schimmer wieder ab.


Im ersten Obergeschoss liegen drei ringförmige Holzarbeiten auf dem Boden. Es sind präzise geschnittene Kreise mit klaren Kanten, geschlossen in sich und von großer Schwere. Eine Arbeit bleibt unbehandelt, eine ist weiß lasiert, die dritte wirkt beinahe wie aus Gips. Im Raum verteilt sich der Duft von Zirbenholz, die Wahrnehmung geschieht ohne sichtbares Objekt. Eine Möbiusschleife hat nur eine Fläche, eine Kante. Sie hat keinen Anfang und kein Ende. In westlichen Kontexten wird sie meist mathematisch gelesen, während sie in ostasiatischen Denktraditionen für Zirkularität steht. Ergänzt wird der Raum durch das Bild “Seven Stars”, dessen Sterne im Dunkeln zu leuchten beginnen.

Im zweiten Obergeschoss verschiebt sich der Schwerpunkt erneut. An den Wänden hängen Arbeiten in unterschiedlichen Formaten, die sich aus zahlreichen kleinen Elementen zusammensetzen. Erst bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass es sich um magnetische Bausteine handelt. Den Werken darf man sich nur bis auf etwa einen Meter nähern. Aus der Distanz wirken die Flächen geschlossen und ruhig, aus der Nähe zeigen sich feine Unregelmäßigkeiten, Schichtungen und Spuren. Die Arbeiten zeigen keine Motive, sie machen spürbar, dass Kräfte existieren, die mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind.

Im dritten Obergeschoss läuft ein Film, umgeben von grünlich fluoreszierenden Sternen. Zu sehen ist eine Figur, die auf einer Wiese sitzt, vor ihr ein glühender, gasförmiger Körper. Die Szene verändert sich kaum, die Kamera zoomt langsam näher heran und wieder zurück. Zeit scheint hier nicht linear zu verlaufen, sondern sich zu dehnen.
Die Arbeiten der südkoreanischen Künstlerin leben nicht von Erzählung oder Erklärung, sondern von Präsenz. Es ist eine Kunst des kaum Sichtbaren, einer Energie, die sich nicht festhalten lässt, aber deutlich spürbar wird.
Die Ausstellung ist vom 31. Jänner bis 25. Mai 2026 im Kunsthaus Bregenz geöffnet, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr, am 17. Februar bis 14 Uhr: www.kunsthaus-bregenz.at
