Was bleibt, wenn Jahre vergehen

Kultur / 20.02.2026 • 12:43 Uhr
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Im Theater Kosmos wird mit „Halten, bleiben, leben“ eine Partnerschaft über Jahrzehnte hinweg erzählt – präzise, berührend und großartig gespielt.Sarah Mistura

„Halten, bleiben, leben“ im Theater Kosmos über Nähe, Zeit und die fragile Kraft der Liebe.

Bregenz Einen alltäglichen Augenblick stellt das Theater Kosmos an den Beginn seiner neuen Spielzeit und macht ihn zum Resonanzraum eines ganzen Lebens. In der Uraufführung von „Halten, bleiben, leben – Fragmente einer Liebe“ stehen zwei Menschen an einer Bushaltestelle, halten inne und wechseln zunächst beiläufige Worte, die sich jedoch als Keimzelle einer langen gemeinsamen Geschichte erweisen. Aus diesem Anfang entwickelt sich ein Beziehungsgeflecht, in dem die Figuren einander immer wieder Halt geben in offenen Konflikten ebenso wie in jenen kaum wahrnehmbaren Momenten, in denen Nähe leise entsteht.

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Das Stück zeichnet die wechselvolle Geschichte einer Liebe zwischen Aufbruch, Zweifel und Erinnerung.Sarah Mistura

Der Wiener Autor Bernhard Studlar hat daraus ein poetisches Mosaik gefügt, das in Fragmenten erzählt und gerade aus der Verdichtung heraus eine überraschende Weite gewinnt. Ein einziger Satz überspringt Jahre, ein beiläufig hingeworfener Nebensatz öffnet ein ganzes Jahrzehnt, Erinnerungen legen sich über die Gegenwart, Zeiten durchdringen einander, Lebensphasen stehen nebeneinander wie transparente Schichten. Der Text traut dem Publikum diese Sprünge zu und gewinnt gerade dadurch an Intensität: Man hört wacher, setzt die Splitter selbst zusammen, entdeckt in den Leerstellen die eigene Erfahrung. Nähe und Distanz lösen einander ab, Zärtlichkeit schlägt in Verletzung um, Gewissheit gerät ins Wanken, und doch bleibt stets spürbar, dass hier zwei Menschen unbeirrt versuchen, einander Halt zu geben – zu bleiben – zu leben.

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Hubert Dragaschnig und Sabine Lorenz.Sarah Mistura

Die besondere Raffinesse dieses Abends liegt in der Besetzungsidee. Drei Schauspielpaare verkörpern dieselben Figuren in unterschiedlichen Lebensaltern und zeigen, wie sich die Liebe im Laufe der Jahre verwandelt, vertieft, aufreibt, infrage gestellt wird und sich immer wieder neu behaupten muss. Hubert Dragaschnig, Hannes Kainz, Sabine Lorenz, Gabriel Marrer, Julia Reisser und Michaela Vogel meistern diese Übergänge mit großer Treffsicherheit und feiner Sensibilität. Sie spielen keine Typen, sie spielen Zustände; sie zeigen nicht bloß Alter, sie zeigen Erfahrung. So entsteht zwischen jugendlicher Aufbruchsstimmung, der Reibung der Lebensmitte und einer stilleren, nach innen gewendeten Spätphase ein vielstimmiges Porträt einer Partnerschaft, das jede Plakativität meidet und gerade in seiner Zurückhaltung nachhaltig wirkt.

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Julia Reisser, Hannes Kainz und Hubert Dragaschnig.Sarah Mistura

Augustin Jagg wählt für seine Inszenierung eine ruhige, konzentrierte Form. Mit großem Vertrauen in Text und Ensemble setzt er auf genaue Blicke, minimale Verschiebungen im Raum und präzise gesetzte Pausen. So entsteht ein Rhythmus, der die Zeitsprünge trägt und die Verdichtung des Textes stützt, ohne sie auszustellen.

Poetische Untermalung

Eindrucksvoll die Musik von Herwig Hammerl, die den Abend durchzieht, ohne ihn zu dominieren. Sie setzt behutsame Akzente, öffnet Räume der Erinnerung und verstärkt die poetische Grundierung des Stücks. In manchen Momenten führt sie das Unausgesprochene weiter, dort, wo Worte enden und Empfindung beginnt.

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Bernhard Studlar, 1972 in Wien geboren und seit vielen Jahren als vielseitiger Dramatiker für Erwachsene wie für junges Publikum tätig, knüpft mit dieser Uraufführung an eine beachtliche Werkbiografie an. Nach Auszeichnungen wie dem Kleist-Förderpreis und dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes, nach Arbeiten für große Häuser im deutschsprachigen Raum und erfolgreichen Produktionen am Theater Kosmos, zeigt er erneut seine Fähigkeit, komplexe Themen in eine klare, zugängliche Form zu bringen.

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„Halten, bleiben, leben“ ist ein Stück über die Fragilität gemeinsamer Geschichte, über das, was Erinnerungen tragen und verändern, über die Kraft und Zerbrechlichkeit einer Liebe, die Jahrzehnte überdauert. Es ist ein stiller, intensiver Auftakt für eine Spielzeit, die viel verspricht, und ein Abend, der beweist, wie stark Theater sein kann, wenn es sich auf das Wesentliche konzentriert: zwei Menschen, ein Gespräch, ein ganzes Leben.