Klar konturiert durch drei Jahrhunderte

Das Symphonieorchester Vorarlberg überzeugt unter Azim Karimov und Andrey Godik als Solisten.
Bregenz Das Symphonieorchester Vorarlberg überzeugte am Sonntag im Festspielhaus Bregenz mit einem dramaturgisch geschlossenen und interpretatorisch frischen Programm. Azim Karimov, kurzfristig für den erkrankten Chefdirigenten Leo McFall eingesprungen, leitete ein Konzert, das von der Wiener Klassik über die musikalische Moderne bis in die österreichische Nachkriegszeit führte. Dass dieser Einsatz keine Notlösung war, zeigte sich bereits in den ersten Takten.

Karimov, der seine Laufbahn als Oboist begann und bei Gennadi Roschdestwenski Dirigieren studierte, verbindet analytische Klarheit mit natürlicher Autorität. Seine Gestik ist präzise, die Zeichengebung transparent und sein Gespür für Balance deutlich erkennbar. Prokofjews „Symphonie classique” geriet unter seiner Leitung zu einem beweglichen Auftakt. Das Orchester spielte mit federnder Leichtigkeit und klar konturierten Akzenten. Im ersten Satz überzeugte die rhythmische Prägnanz der Streicher und im Larghetto gestalteten die Holzbläser ihre Linien mit kontrollierter Ruhe. Karimov vermied Überzeichnungen und legte den ironischen Unterton der Partitur offen.

Im Zentrum des 1. Teils stand Bohuslav Martinůs Oboenkonzert H. 353 mit Andrey Godik als Solisten. Godik zählt zu jenen Musikern, die ihr Instrument nicht vorführen, sondern sprechen lassen. Sein Ton besitzt Substanz, bleibt geschmeidig und differenziert, besonders in der Mittellage von warmer Färbung. Im Moderato formte er die kantablen Linien mit ruhigem Atem und präziser Phrasierung, ohne ins Sentimentale zu kippen. Karimov nahm die rhythmisch pulsierende Begleitung zurück, sodass ein kammermusikalischer Dialog entstand. Im Andante entwickelte Godik eine konzentrierte, nach innen gerichtete Intensität. Spannung entstand aus kontrollierter Dynamik und exakter Tonführung. Im Poco allegro zeigte er technische Souveränität, ohne die Virtuosität zum Selbstzweck werden zu lassen. Rhythmische Beweglichkeit verband sich mit klanglicher Präsenz und das Orchester reagierte aufmerksam und präzise. Der Beifall war entsprechend herzlich. Als Zugabe spielte Godik Brittens sechste „Metamorphose nach Ovid“, „Arethusa“.

Nach der Pause setzte Karimov mit Gottfried von Einems „Wandlungen“ einen deutlichen Akzent. Das Orchester zeigte hier eine kernigere Klangsprache. Rhythmische Schärfe und motivische Verdichtung verlangten Präzision, die das SOV konzentriert einlöste. Karimov strukturierte die Spannungsbögen klar und arbeitete die Kontraste zwischen motorischer Bewegung und lyrischen Abschnitten sorgfältig heraus.

Mit Haydns Symphonie Nr. 96 D-Dur endete der Abend schließlich mit einem Werk der Wiener Klassik in ihrer Londoner Ausprägung. Karimov gestaltete die langsame Einleitung mit ruhiger Übersicht. Die feierlichen Akkorde erhielten Gewicht, ohne gravitätisch zu wirken, und bereiteten das folgende Allegro vor. Dieses entwickelte er zügig und transparent mit klar herausgearbeiteten thematischen Kontrasten und lebendiger Binnenbewegung. Die Streicher agierten geschlossen und beweglich, die Bläser setzten präzise Farbwerte. Im Andante zeigte sich Haydns feine motivische Arbeit. Karimov ließ die sangliche Grundhaltung hervortreten, ohne die unterschwelligen Spannungen zu glätten. Die dialogischen Passagen zwischen Streichern und Holzbläsern waren sorgfältig ausbalanciert und die dynamischen Abstufungen differenziert. Das Menuett erhielt eine markante Kontur. Die Akzente waren klar gesetzt und der tänzerische Impuls blieb erhalten. Im Trio lockerte sich der Klang und die Bläser traten mit schlanker Linienführung hervor. Im Finale entfaltete sich Haydns spielerischer Erfindungsreichtum. Karimov setzte auf rhythmische Präzision und elastische Tempi. Die motivischen Einwürfe wurden pointiert herausgestellt und der Wechsel zwischen Tutti und kleineren Gruppen wirkte dialogisch zugespitzt. So gewannen der Schlusssatz an Leichtigkeit und struktureller Klarheit.
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Dieser Abend zeigte das Symphonieorchester Vorarlberg in exzellenter Verfassung. Azim Karimov profilierte sich als Dirigent mit klarer Strukturvorstellung und sicherem Formgefühl. Andrey Godik überzeugte im Martinů-Konzert auf ganzer Linie. Gemeinsam gelang ein Programm, das die unterschiedlichen Epochen klar herausarbeitete und ihre Bezüge hörbar machte.