Festliches frühbarockes Klangbad

Kultur / 19.04.2026 • 10:53 Uhr
Gebhard David und Frithjof Smith an den Zinken
Gebhard David und Frithjof Smith an den Zinken.Lilli Löbl.

Concerto Stella Matutina bezaubert mit Kompositionen aus dem 17. Jahrhundert.

Götzis Concerto Stella Matutina fesselt seine Abonnenten auch durch eine durchdachte Programmgestaltung: Konnte man vor einem Monat Musik des 18. Jahrhunderts aus Venedigs Waisenhäusern hören, so stand diesmal sozusagen die Vorgeschichte auf dem Programm. Unter dem Titel „Das Erbe Gabrielis“ erklang am letzten Freitag in der Kulturbühne AmBach in Götzis ein Reigen von festlichen Kompositionen aus dem 17. Jahrhundert, die entweder von dem berühmten Kapellmeister von San Marco selbst oder von seinen Schülern und Mitarbeitern stammten. Gestaltet und geleitet wurde das Programm von Frithjof Smith, dem Virtuosen auf dem Zink, der schon öfter mit CSM zusammengearbeitet hat. Nach den Regeln der deutschen Wortbildung müsste ein Spieler dieses Instruments eigentlich „Der Zinker“ heißen. Ganz anders als die Krimifigur von Edgar Wallace jagte einem Smith aber höchstens Wonneschauer über den Rücken: Der Klang dieses schwer zu spielenden Instruments, das er zusammen mit Gebhard David meisterhaft blies, vereint die Kraft einer Trompete mit durchdringender Süße – ein faszinierendes Hörerlebnis. Im Kontrast und im Zusammenspiel mit bis zu vier Posaunen, zwei Trompeten, zwei Geigen, zwei Bratschen und dem Basso continuo, der mit Orgel, Cello und Dulcian besetzt war, ergab sich ein meist von den Bläserstimmen dominiertes, ganz spezielles Klangbild. 

Das gesamte Ensemble
Die Musiker waren solistisch gefordert, alle wurden dieser Herausforderung gerecht.Lilli Löbl

Giovanni Gabrieli propagierte nicht nur die Mehrchörigkeit in der Musik, er war auch maßgeblich an der Entwicklung einer eigenständigen Instrumentalmusik beteiligt. Von Venedig aus breitete sich diese Musik damals über die habsburgischen Länder und Süddeutschland aus. Meist eher kurze Werke von nicht weniger als elf Komponisten, von denen viele auch Kennern unbekannt waren, standen auf dem Programm: als prachtvoller Beginn die berühmte Toccata aus dem „Orfeo“ von Monteverdi, gefolgt von einer Canzone von Gabrieli selbst. Giovanni Valentini überraschte mit seiner eindringlichen, geradezu experimentellen Tonsprache, bei der Sonata a 6 des Feldtrompeters Vejvanovsky hatte die Solotrompete ihren großen Auftritt. Bei Stefano Bernardi überwältigte die Klangfülle der vier Posaunen, Philipp Jakob Rittler klang besonders melodisch, Giovanni Priuli feierlich getragen. Antonio Bertalis Sonata a 13 punktete mit festlicher Klangfülle.

Mummum a 6

Im zweiten Teil traten zu diesen Komponisten noch Alessandro Poglietti, Massimiliano Neri und Johannes Baptista Tolar, bei dessen wunderschöner, abschließender Sonata a 13 alle mitwirkten. Den rätselhaften Titel „Mummum a 6“ einer Rittler‘schen Komposition für zwei Trompeten und vier Posaunen erklärte Thomas Platzgummer humvorvoll so: Das M steht für die Posaunen, das U für die Trompeten, das Wort hat zwei U und vier M. Smith in seinen kundigen Erläuterungen hielt fest, dass man damals mit einer Art „Fortspinnungstaktik“ arbeitete: Es gab keine markanten Themen oder ausgeprägte Melodien sondern sog. „soggetti“ (Subjekte), Tonfolgen, die fortgesponnen, variiert und anders kombiniert wurden. Für die Zuhörenden erzeugte das zeitweise einen fast meditativen Sog. Jeder Musiker und jede Musikerin war bei dieser Art von Musik solistisch gefordert und alle wurden dieser Herausforderung gerecht. So ergab sich ein Abend, der das Publikum in ungewohnte, teilweise fast vierhundert Jahre entfernte Klangwelten entführte, mit wunderschönem Gesamtklang und klar differenzierten, teils virtuosen Einzelstimmen. Der Schlussapplaus war von Trampeln und Bravorufen unterfüttert, als Zugabe erklang als weitere „wunderbare Klangpraline“ (Smith) noch eine Sonate von Bertali.

Ulrike Längle