Die Kraft der Wurzeln

Der südafrikanische Jazzstar Mandisi Dyantyis berührte mit einem Konzert über Erinnerung, Identität und Hoffnung.
Bregenz Mandisi Dyantyis hat am Samstagnachmittag im vorarlberg museum in Bregenz gezeigt, wie viel ein Konzert sein kann, wenn es sich konsequent jeder vordergründigen Wirkung verweigert. Der südafrikanische Jazzmusiker war im Rahmen der von Claudia und Klaus Christa kuratierten Reihe „Musik in der Pforte“ zu erleben. Unter dem Titel „Roots & Routes“ entstand gemeinsam mit einem kleinen Streicherensemble ein Programm, das den Rahmen eines klassischen Jazzauftritts deutlich überschritt. Was sich dabei entfaltete, glich eher einer persönlichen, tief verwurzelten Erzählung, getragen von Erinnerung, Herkunft, Verlust, Hoffnung und einer großen inneren Ruhe.
Schon nach wenigen Minuten war zu hören, weshalb Dyantyis in Südafrika längst zu den prägenden Stimmen des zeitgenössischen Jazz zählt. Seine warme, dunkle Stimme besitzt eine beinahe liturgische Kraft, seine Trompete eine stille Klarheit. Es öffnete sich ein gemeinsamer Klangraum, in dem Stimmen, Streicher und Improvisationen ineinanderflossen.
Trauer und Verlust
Die intime Besetzung erwies sich dabei als eine der großen Stärken dieses Nachmittags. Statt orchestraler Wucht dominierten Nähe, Transparenz und gegenseitiges Zuhören. Die jungen südafrikanischen Musikerinnen und Musiker verbanden sich mit den Studierenden der Stella Musikhochschule zu einer bemerkenswert homogenen Einheit, deren Spiel von Aufmerksamkeit und feinem Gespür geprägt war. Besonders eindringlich gelang dies in „Isigidimi“, einer Reflexion über Trauer und Verlust, bei der sich die langen Streicherlinien beinahe atmend um Dyantyis’ Stimme legten. Aber auch „Mabaphile“, „Amyoli“ und nicht zuletzt „Molo Sisi“ entfalteten eine große Sogkraft und verzauberten das hingerissene Publikum.
Die besondere Qualität dieses Konzerts lag in seiner fast völligen Ungekünsteltheit. Nichts wirkte kalkuliert, nichts auf Effekt gebaut. Dyantyis singt in isiXhosa, seiner Muttersprache, und gerade dadurch entfaltete seine Musik eine Authentizität, die das Publikum auch ohne Verständnis einzelner Worte unmittelbar erreichte. In jedem Lied war jene Verwurzelung spürbar, von der nach dem Konzert im Gespräch die Rede war: Musik als Ausdruck von Herkunft und gelebter Erfahrung, zugleich offen genug, um Menschen unterschiedlichster Hintergründe mitzunehmen.
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Stücke wie „Cwaka“ oder „Somandla“ entwickelten eine beinahe meditative Kraft. Die Musik wurde still, ohne jemals spannungslos zu werden, und fand gerade in den reduzierten Momenten zu ihrer größten Intensität. Dass Dyantyis ursprünglich Opernsänger werden wollte, war seiner Stimme deutlich anzuhören, jener Gestaltungskraft, die selbst einfache melodische Linien mit Bedeutung auflud.
Historische Dimension
Im Anschluss folgte ein längeres Gespräch, das den Nachmittag auf eindrucksvolle Weise vertiefte. Dyantyis sprach über seine Musik, über Südafrika, über Identität und über Flucht. Besonders ergreifend war seine Erinnerung an seine Großmutter vor den ersten freien Wahlen 1994, bei denen Nelson Mandela gewählt wurde und die Apartheid offiziell endete. Sie sei damals so nervös gewesen, erzählte er, dass sie zwei Wochen lang geübt habe, das Kreuz richtig zu setzen, damit ihre Stimme ja gültig sei. In diesem kleinen, sehr persönlichen Bild verdichtete sich die ganze historische Dimension jener Zeit und zugleich jene tiefe Menschlichkeit, die auch seine Musik prägt.
Das Publikum folgte dieser musikalischen Reise und dem Gespräch mit hörbarer Konzentration. Und vielleicht lag genau darin die größte Qualität dieses außergewöhnlichen Nachmittags: Dieses Konzert wollte niemanden überwältigen. Es wollte erzählen, verbinden, erinnern. Und gerade dadurch entfaltete es eine nachhaltige Wirkung. Der Applaus am Ende entwickelte sich sehr schnell zu verdienten Standing Ovations.