Ein Gespenst aus Luft und Klang

Cyprien Gaillards Visitant dominiert das KUB. Die weiteren Stockwerke können diese Präsenz nicht halten.
Bregenz Mit Cyprien Gaillard zeigt das KUB einen Künstler, der seit Jahren die Ränder der Städte, die Spuren von Verfall und die Mechanismen gesellschaftlicher Kontrolle untersucht. Unter dem Titel „When you expect flutes, it’s whistles“ entfaltet der 1980 in Paris geborene Künstler ab dem 13. Juni eine Ausstellung über Abschreckung, Ausgrenzung und die oft unsichtbaren Strukturen öffentlicher Macht.

Schon vor dem Betreten setzt Gaillard ein Zeichen. Hinter der Glasfassade hängt eine gebrauchte Schuttrutsche aus orangefarbenen Röhren, wie sie beim Gebäudeabriss zum Abtransport von Bauschutt dient. Sie steht für Zerstörung, Entsorgung und den permanenten Umbau urbaner Räume, für die Stadt als Ort fortwährender Transformation, in dem sich Machtverhältnisse zugleich zeigen und verbergen.

Der eigentliche Höhepunkt erwartet die Besucher bereits im Erdgeschoss. Dort beherrscht die monumentale, aufblasbare Skulptur Visitant den Raum. Die Figur erinnert an jene luftgefüllten Werbegestalten, wie man sie von Festivals oder Autohäusern kennt. Im KUB wird sie aus diesem Kontext gelöst und in die stille Architektur des Hauses verpflanzt. Sie bläht sich auf, fällt in sich zusammen, fuchtelt, boxt, streckt sich und tanzt zu einer programmierten Choreografie. Mehrmals pro Stunde setzt laute Musik ein und verwandelt den Raum kurz in eine Art Club.
Wind, Druck und Klang
Die Bewegungen der fragilen, nur aus Luft und einer Nylonhülle bestehenden Erscheinung besitzen eine überraschende Sanftheit, obwohl ihre Größe alles dominiert. Sie erscheint farbig und verzweifelt, komisch und melancholisch, angetrieben von Wind, Druck und Klang. Die Musik greift auf Tracks zurück, die an die Berliner Technokultur der frühen 1990er-Jahre erinnern und zugleich von klassischer Musik inspiriert sind. Vertraute Motive werden zerhackt, gesampelt und in stampfende Rhythmen übersetzt.

An dieses Niveau reichen die oberen Stockwerke nicht heran. Im ersten Obergeschoss zeigt Gaillard Arbeiten, die Fotografie, Collage und Skulptur verbinden: Gruppen von je neun Polaroids, diamantförmig auf Karton montiert und durch Metalldraht in eine halb aufgerichtete Spannung gezwungen. Diese kaleidoskopischen Ansichten urbaner und landschaftlicher Strukturen bleiben in ihrer Wirkung jedoch erstaunlich zurückhaltend.

Auch das zweite Obergeschoss überzeugt nur bedingt. Hier greift Gaillard die Sage vom Rattenfänger von Hameln auf und verknüpft Musik, Konsum, Verführung und Wertsysteme. Querflöten, bestückt mit zu Röhrchen gerollten Null-Euro-Scheinen, sowie Edelstahlobjekte nach dem Vorbild von Bankomaten-Beschattungen und Farbpatronen aus aufgebrochenen Geldautomaten entwickeln ein komplexes Netz von Bedeutungen, wirken in der Umsetzung jedoch vergleichsweise konstruiert. Die theoretische Ebene überlagert zunehmend die sinnliche Erfahrung.

Im dritten Obergeschoss läuft die Neuproduktion DETERRENT, 2026. Der Film versammelt Beobachtungen zu Strategien der Abschreckung im öffentlichen Raum: klassische Musik vor einer 7-Eleven-Filiale, übermalte Graffiti entlang der Kanäle des Los-Angeles-Flusses, Verbotsschilder und architektonische Eingriffe zur Kontrolle bestimmter Gruppen. Inhaltlich fügt sich das schlüssig in Gaillards langjährige Beschäftigung mit urbanen Machtstrukturen ein. Allerdings wirken manche dieser Themen heute weniger dringlich als noch vor einigen Jahren, als Debatten über defensive Architektur und musikalische Abschreckung im öffentlichen Raum verstärkt geführt wurden.

So hinterlässt die Ausstellung einen zwiespältigen Eindruck. Das Erdgeschoss besitzt jene unmittelbare Präsenz, die den übrigen Arbeiten weitgehend fehlt. Die oberen Ebenen bleiben eine Sammlung von Bezügen und Verweisen ohne die sinnliche Wucht, die das Erdgeschoss vorgibt.