Diskussion statt Dämonisierung

VN Kommentar von Gerald Matt.
Ich habe Milo Rau bei aller Wertschätzung mehrfach kritisiert. Sein Hang zu linkspopulistischem Pathos, seine subventionsgesicherte Widerstandsrhetorik und seine einseitige Positionierung im Nahostkonflikt wirkten nicht nur auf mich wie der Versuch, mit kalkulierter Provokation vom “Aufmerksamkeitskapital “ (Georg Franck) zu naschen. Auch wenn bei der Einladung Peter Thiels die gleiche Droge verführt haben mag, so stieß Rau eine Debatte an, die einen zentralen Punkt demokratischer Kultur berührt. Peter Thiel steht für vieles, was abzulehnen ist. Er vertritt einen radikalen libertären Kapitalismus, zweifelt an zentralen Grundsätzen demokratischer Gleichheit und unterstützt politische Kräfte, die die liberale Demokratie bedrohen. Gerade deshalb wäre seine Einladung zu einer kritischen Diskussion sinnvoll gewesen. Eine demokratische Öffentlichkeit lebt nicht davon, dass nur jene zu Wort kommen, deren Ansichten bereits den eigenen Überzeugungen entsprechen. Sie lebt davon, dass Positionen sichtbar gemacht, geprüft, kritisiert und mit Bravour widerlegt werden. Wer überzeugt ist, die besseren Argumente zu haben, sollte keine Angst haben, sie gegen politische Gegner zu verteidigen. Hier liegt das Problem der reflexhaften Empörung, die zur Ausladung Thiels führte. Statt sich mit ihm auseinanderzusetzen, wurde bereits seine Anwesenheit als unzumutbar dargestellt. Die bloße Möglichkeit eines Gesprächs wurde als Form der Legitimation interpretiert. Doch Diskussion bedeutet nicht Zustimmung. Wer mit jemandem debattiert, adelt ihn nicht. Im Gegenteil: Erst die offene Auseinandersetzung macht die Schwächen, Widersprüche und Gefahren einer Position sichtbar.
Die Vorstellung, problematische Ideen würden verschwinden, wenn man ihre Vertreter von Bühnen fernhält oder cancelt, hat sich als Illusion erwiesen. Wäre Deplatforming erfolgreich, wären populistische, rechtsextreme Parteien nicht stärker denn je. Wer politische Gegner aus dem Diskurs ausschließt, überlässt ihnen die Rolle des verfolgten Außenseiters. Sie können sich als Opfer einer angeblich intoleranten Elite inszenieren und gewinnen dadurch zusätzliche Aufmerksamkeit. Demokratie lebt nicht von Gesinnungshomogenität, sondern vom Streit. Wer Auseinandersetzung scheut, offenbart Zweifel an der Überzeugungskraft der eigenen Position. Milo Rau hat recht, auch Menschen einzuladen, deren Ansichten man nicht teilt. Nicht um sie zu feiern, sondern um sie besser zu verstehen, um ihnen zu widersprechen und um die eigene Argumentation zu schärfen. Eine kritische Debatte mit Peter Thiel hätte niemanden zum Anhänger seiner Ideen gemacht. Sie hätte aber die Möglichkeit geboten, seine Vorstellungen von Demokratie, Kapitalismus und Gesellschaft zu hinterfragen und ihre Konsequenzen sichtbar zu machen. Die Ausladung Peter Thiels war deshalb ein Fehler. Nicht weil seine Positionen unterstützenswert wären, sondern weil eine demokratische Öffentlichkeit stark genug sein muss, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Und für Rau gilt, wenn schon, denn schon.