Scham stellt sich ein

Kultur / 21.08.2026 • 10:23 Uhr
Scham stellt sich ein

VN-Kommentar von Walter Fink.

Die Bregenzer Festspiele dieses Jahres gehen mit großem Erfolg zu Ende. Die Seeaufführung immer ausverkauft – damit ist die finanzielle Seite gerettet. Denn das Spiel auf dem See – heuer mit Verdis „La Traviata“ als Publikumsmagnet – bestimmt nicht nur über die internationale Wahrnehmung der Festspiele, das Spiel finanziert auch die vielen kleineren Produktionen mit hundert oder zweihundert Zuschauern. Genau diese Aufführungen aber sind es, die auch die Qualität des Festivals bestimmen. Und so war es schön zu sehen, dass Intendantin Lilli Paasikivi gerade auch bei diesen nur scheinbar kleineren Ereignissen war und begeistert Applaus spendete. Wie sich Paasikivi überhaupt als Intendantin in Bregenz gut etabliert zu haben scheint.

In Bregenz feiert man heuer 80 Jahre Festspiele, viele Anlässe auch für Rückblicke. Ganz offiziell – und auch ganz privat. Auch ich erinnere mich an meine ersten Zeiten bei den Festspielen, damals noch als Ferialkraft bei Proben, die darauf zu achten hatte, dass sich keine Menschen heimlich auf die Seebühne schmuggelten. Es war im Sommer 1969, gegeben wurde die Operette „Hochzeit am Bodensee“ von Robert Stolz. Für uns Jugendliche eine Aufführung, die uns nur lächerlich erschien, war sie doch auch weitgehend aus bekannten Liedern von Robert Stolz „zusammengeflickt“ – und diese Musik traf nicht gerade den Geschmack von uns. Kein Wunder, war Robert Stolz damals doch bereits 89 Jahre alt, also für uns eine Art Methusalem, den man scheinbar nicht mehr ernst nehmen musste.

Wie ungerecht ich doch war, wie unwissend. Ich hatte keine Ahnung von dem Komponisten, von seinen großen Liedern („Im Prater blüh‘n wieder die Bäume“), Meisterwerken seiner Zeit. Vor allem wusste ich nichts aus dem Leben von Robert Stolz. Das erfuhr ich erst vor kurzem, im Jahre 2021, als ich das Buch von Herbert Lackner, „Rückkehr in die fremde Heimat – Die vertriebenen Dichter und Denker und die ernüchternde Nachkriegs-Wirklichkeit“ (Verlag Ueberreuter) las. Dort stand geschrieben, wer Robert Stolz wirklich war. Nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland kehrte Stolz – selbst kein Jude – demonstrativ nach Wien zurück, auf seinen häufigen Autofahrten von Berlin nach Wien schmuggelte er nachweislich einundzwanzig Mal bedrohte Juden und Verfolgte im Kofferraum seiner Limousine. Jedes Mal Rettung von Menschen, jedes Mal Todesgefahr für Robert Stolz. Obwohl von den Nazis umworben, ging er ins amerikanische Exil. Er verließ aber nicht nur selbst den Nazi-Terror, er half auch anderen jüdischen Mitbürgern und Künstlern zur Flucht.

Kurz gesagt: Robert Stolz war ein großer Mann, in der Kunst und als Mensch. Er zeigte Haltung gegen eine Diktatur, er half unter gefährlichsten Umständen anderen, er blieb ein großer Musiker, wurde in Amerika zwei Mal für seine Filmmusik zum Oscar vorgeschlagen – und war nach seiner Rückkehr in Österreich nicht wirklich willkommen, stieß – so Herbert Lackner – auf Unverständnis und Ablehnung. Leider war mein Verhalten ihm gegenüber bei den Festspielen nicht besser. Meine einzige Entschuldigung ist meine damalige Jugend. Aber ich schäme mich trotzdem.