Mein Weg nach Hause
VN-Kommentar von Walter Fink.
Nahezu jeden Tag gehe ich in Bregenz in die Stadt, manchmal, um Besorgungen zu erledigen, ein anderes Mal, um ins Café zu gehen und Zeitungen zu lesen, oft auch nur, um am See spazieren zu gehen. Immer bin ich zu Fuß unterwegs, immer denke ich mir, was für ein Glück ich habe, hier zu leben. Und wenn ich dann den Heimweg antrete, dann ist dieses Gefühl noch viel intensiver, denn ich bin sicher, dass ich einen der schönsten Wege nach Hause habe.
Von der Stadtmitte, vom Leutbühel, nehme ich die Kirchstraße, die eine der letzten durchgehend erhaltenen Straßen der Stadt ist und “reizvoll durch Fassadenknicke und die Kurven ausgleichende Staffelungen” (Dehio Vorarlberg) nach oben führt. Noch ganz am Anfang, auf der Fassade der Weinstube Kinz, das Wandfresko von Josef Huber-Feldkirch, gegenüber der Fachwerkbau des “Hirschen”. Dann vorbei am ehemaligen Forstersaalkino, an Höhe gewinnend bis zum heutigen Landesarchiv, dem ehemaligen Landhaus, erbaut vom Bregenzer Barockbaumeister Johann Georg Kuen. Rechts vor mir die Kapuzinerstiege, die hinauf zum Kloster führt, an ihrem Anfang der Brunnen des hl. Gebhard. Links öffnet sich der Blick zur Oberstadt, im Zentrum stehen das “Deuringschlösschen” und dahinter das Bregenzer Wahrzeichen, der Martinsturm.
Bevor ich auf die gemauerte Kirchenbrücke trete, erhebt sich vor mir der mächtige gotische Kirchturm aus Sandstein der Stadtpfarrkirche St. Gallus, gotisch, obwohl der Rest der Kirche Mitte des 18. Jahrhunderts von Franz Anton Beer “meisterhaft” (Karl Dörler im Kirchenführer) barockisiert wurde. Kaum einmal gehe ich vorbei, meistens trete ich – vorbei an den beiden Sandsteinfiguren Petrus und Paulus – ein. St. Gallus ist ein wunderbares Beispiel für Vorarlberger Barock, ein heller Saalraum, der vor Kurzem mustergültig restauriert wurde. Viele kunsthistorische Feinheiten kann man finden, herausragend das Chorgestühl, das aus der damals barocken Kirche des früheren Benediktinerklosters Mehrerau nach St. Gallus gebracht wurde, bevor die Klosterkirche 1808 abgerissen wurde. Besonders schön die Intarsienbilder, Einlegearbeiten aus verschiedenen Hölzern, darunter eine Darstellung des hl. Gallus.
Dann der Kirchplatz, einer meiner Lieblingsorte überhaupt. Um die Kirche gruppiert Pfarrhäuser, Benefiziantenhaus, Mesnerhaus (heute mit der Pfarrbücherei), alte, behäbige Häuser mit Satteldächern, die wie Wächter um die Kirche stehen. Ich gehe über den Kirchplatz zum Brunnen, der mich mit seinem großen Baum immer an Franz Schubert und das Gedicht von Wilhelm Müller gemahnt. Neben dem Brunnen die Bank, von der man auf die Dachlandschaft der Kirche und die umliegenden Häuser schaut. Alle mit Biberschwanzziegeln, braun, rot, grün. Wunderbar. Voll von diesem Bild erhebe ich mich, gehe weiter, links von mir das Kloster Marienberg, weiter oben dann das ehemalige Gallusstift, die heutige Landesbibliothek. Bilder, die kaum zu überbieten sind. Wie gesagt, ich habe ganz einfach den schönsten Heimweg der Welt.
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