Eine Freilichtmesse für die Elektro-Götter

Kraftwerk bespielten die Seebühne und beschallten dabei ganz Bregenz.
Bregenz Es gibt da diese eine Szene aus dem Film “Das Leben des Brian” der britischen Komikertruppe Monty Python, in welcher sich die Mitglieder der Volksfront von Judäa die Frage stellen, was die Römer, deren Imperium sie zu Fall bringen wollen, eigentlich jemals für sie getan haben. Nach einigem hin und her kommen sie zum Schluss, dass diese Liste doch ziemlich essenzielle Errungenschaften (Wein, Schulwesen etc.) aufweist.

Stellt man sich heute die Frage, was die Gruppe Kraftwerk eigentlich für die Musik getan hat, dann kann man die Antwort getrost in ein großes Wort mit fünf Buchstaben packen: Alles!
Kein Genre der Popularmusik wäre ohne die Innovatoren aus Düsseldorf denkbar. Kein Hip Hop, kein Synthpop, kein Techno. Radikale Verfechter der E-Musik mögen fluchend die Faust gen Himmel strecken, weil ihre Lobby es in den 70er- und 80er-Jahren nicht verhindern konnte, dass Ralf Hütter und Florian Schneider im Kling-Klang-Studio mit ihren wechselnden Musikarbeitern in Sachen elektronische Percussion, Spezial-Vocoder oder Sequenzer-Anlagen experimentierten und in diesem Prozess Musik für die Ewigkeit schufen.

Das ist allerdings lange her, Jahrzehnte sogar. Mittlerweile sind Kraftwerk zum Gesamtkunstwerk mutiert und spielen ihre Shows global in einem eher musealen, hochkulturellen Umfeld. So geschehen am Dienstagabend auf der Seebühne in Bregenz. Doch von Krawattenzwang und Abendgarderobe war wenig zu sehen. Das internationale, überwiegend männliche Publikum, das optisch vom Altersschnitt der frühen Generation X zuzurechnen war, kam in verwaschenen Band-Shirts (hauptsächlich Kraftwerk, Joy Division und Artverwandtes) und ließ schon im Vorfeld erahnen, dass dies kein gewöhnlicher Konzertabend werden sollte, sondern dass hier eine Messe zelebriert wird.
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Und kaum stehen Kraftwerk in ihren leuchtenden Netzgitter-Anzügen auf der Bühne (aktuelle Besetzung: Ralf Hütter, Henning Schmitz, Falk Grieffenhagen und Georg Bongartz), da wird einem klar, dass hier Propheten am Werk sind. Gekonnt spielen sie sich erst durch einen Block von Titeln aus dem Album “Computerwelt” (1981), gefolgt von Spacelab aus “Die Mensch-Maschine” (1978), wobei sie sich hierbei das erste Mal an diesem Abend von ihrer menschlichen Seite zeigen und das Bass-Sample zur falschen Stelle eingespielt wird. Was dann folgt, ist eine keiner Logik folgenden Werkschau mit Stücken von Alben wie “Autobahn” (1974) bis “Tour de France” (2003), wobei die Besucher gerade beim wohl bekanntesten Lied der Gruppe, Das Model, die Publikumsränge in ein leuchtendes Handyvideoaufnahme-Lichtermeer verwandelt.
Die Musik ist gut – und laut. Wenn man diversen Erzählungen Glauben schenken darf, waren manche Melodien bis an die Außengrenzen der Stadt vernehmbar. Also praktisch das Bregenzer Adäquat zu den Trompeten von Jericho. Die Zuschauer goutierten das derart, dass sie zu Mitwirkenden wurden. Für die letzten Stücke versammelte sich eine tanzwütige Menge direkt vor den Musikern und ließen ihrer Ekstase freien Lauf.
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Man darf durchaus von einem perfekten Abend sprechen. Auch wenn die hinter die Gruppe projizieren Visuals teils altbacken wirkten, war das Gehörte doch von so großer Qualität und sowohl von musikalischer und inhaltlicher Aktualität (Atomkraft, Technologie-Kritik etc.), dass es einem beinahe unmöglich macht, nicht Kraftwerk-Jünger zu werden, falls man das nicht schon war. Amen.