Verführung aus Kunststoff

Kultur / 25.09.2026 • 12:42 Uhr
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Zwischen Werbebild und Stillleben: Die Fotografien verführen mit der Schönheit eines Materials, das zugleich zum ökologischen Problem geworden ist.Claus Goedicke/VG Bildkunst Bonn

Claus Goedickes Fotoband „Plastik“ zeigt, wie nah Schönheit und ökologische Belastung beieinanderliegen.

Schwarzach Claus Goedicke fotografiert Dinge, die wir zu kennen glauben. Flaschen, Behälter und Gefäße aus Kunststoff gehören zum Alltag, sind Massenware und meist kaum eines zweiten Blicks wert. In Goedickes Bildern verlieren sie ihre beiläufige Vertrautheit. Sie stehen einzeln vor sorgfältig gewählten Hintergründen, klar ausgeleuchtet und so präzise erfasst, dass jede Rundung, jede Kante und jede Unebenheit sichtbar wird. Der Bildband „Plastik“ führt vor, wie aus Wegwerfprodukten verführerische Bildkörper werden – und wie wenig sich diese Verführung von der ökologischen Wirklichkeit des Materials trennen lässt.

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Kunststoffgefäße, einzeln ins Bild gesetzt: Claus Goedicke lenkt den Blick auf Farbe, Form und Oberfläche.Claus Goedicke/VG Bildkunst Bonn

Der 1966 in Köln geborene Claus Goedicke ist für seine streng komponierten Stillleben bekannt. Sein systematischer Blick gilt auch Dingen des Alltags, die sonst im Schrank verschwinden oder im Müll landen. Zwischen Sachaufnahme, Werbefotografie und Fotorealismus entwickelt er eine eigene Bildsprache. Die Oberfläche ist dabei mehr als eine visuelle Qualität. Kunststoff glänzt, schimmert, wirkt glatt und zugleich körperlich. Goedickes Licht macht die Objekte beinahe greifbar; ihre Farben erscheinen satt und verführerisch. Die Bilder rufen nicht nur den Blick, sondern auch Vorstellungen von Berührung und Geruch auf. Man meint, die kühle Glätte eines Gefäßes zu spüren oder den spezifischen Geruch von Plastik wahrzunehmen. Diese sinnliche Nähe ist eine Stärke des Buches und zugleich seine irritierende Pointe. Denn das Material, das hier so elegant erscheint, steht für eine Haltbarkeit, die zum ökologischen Problem geworden ist.

Form, Farbe und Präsenz

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Claus Goedicke/VG Bildkunst Bonn

So geraten die Fotografien auf eine produktive Grenze: zwischen Kunst und Abfall, Schönheit und Belastung, Versprechen und Katastrophe. Das Plastikgefäß wird nicht zum moralischen Anschauungsobjekt herabgesetzt, Goedicke zeigt es in seiner formalen Eigenart. Gerade diese Aufmerksamkeit macht die Spannung sichtbar. Die Schönheit bleibt bestehen, aber sie ist nicht unschuldig. Niklas Maak beschreibt den Zustand als einen „ständigen Kipppunkt zwischen Schönheit und Desaster“, an dem sich die Dinge der Konsummoderne befinden.

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Claus Goedicke/VG Bildkunst Bonn

Der Band gibt den Fotografien Raum. 113 Tafeln auf 160 Seiten erlauben es, Formen, Farben und Oberflächen vergleichend zu betrachten. Die Abfolge lässt Unterschiede hervortreten, ohne die Gegenstände zu einer bloßen Musterreihe zu machen. Die Gestaltung von Claudia Ott unterstützt die Konzentration auf die Bilder. Begleitende Texte von Heinz Liesbrock, dem früheren Direktor des Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop, und Maak ergänzen die fotografische Arbeit um kunsthistorische und essayistische Perspektiven. Sie rahmen die Betrachtung, ohne die sinnliche Erfahrung der Bilder zu ersetzen.

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Schirmer/Mosel

„Plastik“ ist damit mehr als ein schön ausgestatteter Fotoband über Alltagsgegenstände. Goedicke zeigt, wie viel Form, Farbe und Präsenz in einem Material steckt, das meist als billig und austauschbar gilt. Zugleich bleibt im Bild die Frage eingeschrieben, was diese Schönheit kostet und wie lange sie Bestand hat.