Europas Lerngeschichte
Wir schreiben das Jahr 150 v. Chr. Der Nachlass Alexander des Großen zerfällt, Rom expandiert. Um ihre Freiheit zu bewahren, schließen sich rivalisierende Städte des Peloponnes zum Achaiischen Bund zusammen – einer verfassungsrechtlichen Neuerung der hellenistischen Welt, später sogar Vorbild für die US-Bundesverfassung. Doch das alte Problem bleibt: Wie viel Autonomie dürfen die Mitglieder behalten? Wie viel Zwang braucht Zusammenarbeit? Vor allem Sparta wollte nie Teil eines Bundes sein und leistete erbitterten Widerstand. Als sich einige Jahre später die internen Konflikte zuspitzten, erhielten die Römer den willkommenen Vorwand zur Intervention. Die vielbeschworene Freiheit war vorbei. 2000 Jahre später existiert mit der Europäischen Union erneut ein Staatenbund. Nicht alle möglichen Mitglieder sind beigetreten, ein großer Staat ist sogar ausgetreten. In mehreren Ländern bekämpfen Parteien und Regierungen die EU mit allen Mitteln – von innen wie von außen. Muss uns diese historische Parallele nicht beunruhigen? Lernt Europa aus seiner eigenen Geschichte? Wie viel innere Zerrissenheit verträgt ein Bündnis, bevor es von außen erpressbar wird? Und wer zieht Nutzen daraus, wenn europäische Zusammenarbeit scheitert?
Werner Abbrederis, Rankweil