Kommentar: Das größte Infrastrukturprojekt Europas – und niemand merkt es

Markt / 30.12.2025 • 10:04 Uhr
Kommentar: Das größte Infrastrukturprojekt Europas – und niemand merkt es
APA

Die EU plant ein neues Hochgeschwindigkeitsnetz, das Europas Hauptstädte erstmals flächendeckend mit bis zu 250 km/h verbinden soll. Wien – Warschau in vier Stunden, Paris – Berlin in sechs, Rom – Ljubljana in fünf: ein Projekt, das wie geschaffen wäre, um Mobilität, Wirtschaftsräume und Regionalentwicklung in das 21. Jahrhundert zu katapultieren. Eigentlich.

Doch genau dieses visionäre Projekt droht zu versanden, noch bevor es überhaupt Sichtbarkeit gewinnt. Statt politischer Begeisterung, europäischer Strategie und einer klaren Zukunftsvision herrscht das übliche Muster: zögerliches Zaudern, nationale Bedenken und bürokratische Blockade.

Dabei wäre das Projekt ein ideales Vorhaben für die Finanzierung über die Börse (IPO), ein kontinentales Infrastrukturprogramm, das private wie institutionelle Investoren anzieht – ein echtes “European Flagship”. Ein Börsengang an einer europäischen Kapitalmarktplattform wäre historisch. Nur: Diese Plattform existiert bis heute nicht. Europa fordert “strategische Autonomie”, besitzt aber leider nicht einmal einen funktionierenden, einheitlichen Kapitalmarkt, um strategische Projekte zu finanzieren. Ein IPO für eine europäische Zukunft? Fehlanzeige, weil der einheitliche Kapitalmarkt, den es dafür bräuchte, bisher nicht geschaffen wurde.

Gleichzeitig zeigt die EU-Finanzierung für die Ukraine, dass Geld sehr wohl mobilisierbar ist. In kürzester Zeit wurden über 200 Milliarden Euro bereitgestellt. Politisch verständlich – aber es entlarvt das Argument der “Investitionen” als Ausrede. Wenn Europa will, kann Europa zahlen.

Noch absurder wird der Blick nach außen: Während die EU über 250 km/h diskutiert, sprechen andere Regionen bzw. Unternehmen wie unsere Schweizer Nachbarn mit Swisspod längst über 1000 km/h+ – Hyperloop-Konzepte, magnetische Röhrensysteme, ultraschnelle Vakuumzüge. Europa hingegen diskutiert darüber, ob 250 km/h überhaupt “notwendig” seien. Ein Kontinent, der einst die Eisenbahn erfand, droht technologisch an der Bahnhofsuhr stehen zu bleiben.

Und dann: die Präsentation. Oder besser gesagt – die Nicht-Präsentation. Keine europaweite Kommunikationsstrategie, keine Vision, kein Momentum. Null Marketing für ein Projekt, das wie kein anderes zeigen könnte, was Europa leisten kann, wenn es möchte.

Das Hochgeschwindigkeitsnetz hätte ein Symbol für ein Europa im Aufbruch sein können. Doch am Ende bleibt die zentrale Frage: Es fehlt nicht an Technik, nicht an Geld, nicht an Bedarf – es fehlt an Mut. Hat Europa ihn noch?

Und vielleicht passt genau diese Frage in die Weihnachtszeit: Ein Fest, an dem jedes Jahr unzählige Märklin-Züge unter Weihnachtsbäumen stehen – kleine Modelle einer Welt, in der Visionen selbstverständlich sind. Dort funktioniert, was Europa real nicht hinbekommt: Man stellt Hochgeschwindigkeitsstrecken einfach hin. Man verbindet Städte, weil man sie verbinden möchte. Man baut, ohne zehn Jahre zu diskutieren.

Ironisch: Märklin schafft es, Europas ICEs und TGVs detailgenau in 1:87 zu realisieren. Europa schafft es nicht, ihre realen Pendants in 1:1 politisch durchzusetzen. Vielleicht liegt darin die bitterste Weihnachtsmetapher: Wir schenken uns Miniatur-Zukunft – aber die echte Zukunft bleibt liegen.

Martin Ohneberg ist CEO der HENN Industrial Group, früherer IV-Präsident und sitzt im Aufsichtsrat mehrerer Unternehmen.