„Wichtig ist es, sich auf den Weg zu machen“

Markt / 18.04.2014 • 18:06 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Claudia und Bertram Martin haben den Martinshof vom klassischen Landwirtschaftsbetrieb hin zum regionalen Anbieter von Freilandeiern, Teigwaren, Weiderind und Dinkelprodukten entwickelt. Fotos: VN/Steurer
Claudia und Bertram Martin haben den Martinshof vom klassischen Landwirtschaftsbetrieb hin zum regionalen Anbieter von Freilandeiern, Teigwaren, Weiderind und Dinkelprodukten entwickelt. Fotos: VN/Steurer

Buch. Bertram Martin ist nicht nur Landwirt. Der Martinshof ist längst ein Erfolgsbeispiel, wie man Bioqualität und artgerechte Haltung erfolgreich vermarktet und die Natur und seine Vielfalt dennoch nicht vergisst. Im Interview sprechen er und seine Frau Claudia über saisonale Schwankungen, Sicherheiten für den Konsumenten und künftige Herausforderungen.

Ostern ist für einen Eierproduzenten wahrscheinlich die strengste Zeit im Jahr. Wie reagieren Sie auf solche saisonale Schwankungen?

B. Martin: Wir müssen Berg und Tal ausgleichen, der saisonale Schwank ist bei Eiern extrem. Nicht nur an Ostern oder in der Backzeit, sondern auch schönes und schlechtes Wetter. Wenn der Juli zum Beispiel sehr schön ist, brauchen wir 50.000 Eier im Monat weniger. Darum haben wir uns vor zehn Jahren dazu entschlossen, Teigwaren zu produzieren. So gleichen wir das aus.

Sie haben sich schon früh der Bioproduktion verschrieben. War das damals eine strategische Entscheidung?

C. Martin: Bei uns gibt es keine Strategie. Wir haben keine klassischen Ziele, ganz viel entsteht im Tun.

B. Martin: Wichtig ist, dass man sich auf den Weg macht. Die Richtung haben wir schon lange. Vor 20 Jahren waren wir noch gar nicht bio-zertifiziert, aber es war klar, wir wollen einen Stall, in dem es die Hennen fein haben. So haben wir später mit der Zertifizierung keine Umbaumaßnahmen setzen müssen. Im Land gibt es viele Landwirte, die gar nicht weit weg sind von bio, und wenn es künftig einen größeren Markt gibt, braucht es keinen großen Anstoß mehr.

Gerade die Hühnerhaltung wird oft kritisch gesehen. Was macht der Martinshof anders?

B.M.: Wir haben aktuell 2620 Tiere. Der durchschnittliche deutsche Hühnerbauer hat 30.000. In Europa sieht der größte Teil der Hennen nie ein Tageslicht. Bei uns können sie ab halb zehn nach draußen. Wir haben Tageslicht im Stall, dort können sie sich frei bewegen, haben einen Wintergarten. Dazu kommt, wir sind keine Händler, sondern verkaufen nur das, was wir selber mit unseren Partnern produzieren.

Anstatt ihren Betrieb zu vergrößern, arbeiten Sie mit anderen Bauern zusammen. Wie stellen Sie eine gleiche Qualität sicher?

B.M.: Wir haben für alle Betriebe immer einen neuen Stall geplant, so dass dieser überall ident ist. Und wir geben die Spezifikationen vor, wenn es um Futter oder Junghühner geht. Futter ist der wichtigste Faktor neben der Haltung, weil das das Qualitätskriterium für ein wohlschmeckendes Ei ist.

C.M.: Wichtig ist, dass sie die gleichen Ziele haben. Sie liefern nicht nur, sondern sind vielmehr Partner.

Ist „Bio“ aufgrund des Trends mittlerweile ein Selbstläufer?

B.M.: Das regionale Thema ist vielen wichtig. Am Anfang war es der Tierschutz, inzwischen ist es ein großes Paket von der Futterbeschaffung bis zur Energie. Wir verbrennen beispielsweise keine fossile Energie, erzeugen die Hälfte des Stroms selber. Es gibt schon viele Menschen, die den Weg mitgehen. Und ich denke, künftig werden es noch mehr werden. Den „Hype“ nutzen manche aber auch aus. Das macht es für den Kunden schwer, sich zurechtzufinden. Der Vorteil bei einem regionalen Produkt ist, der Konsument kann den Betrieb anschauen. Wir haben mehr als 100 angemeldete Führungen im Jahr.

Wer sind die größten Abnehmer ihrer Produkte?

B.M.: Sutterlüty ist unser bester Partner, macht 40 Prozent unseres Umsatzes aus. Wir haben ein Verhältnis auf Augenhöhe und passen von der Denkweise gut zusammen. Wir liefern alles direkt. An zahlreiche Bäckereien, Gastronomiebetriebe, an alle Tourismusschulen des Landes, die Landeskrankenhäuser, an Großküchen, Altersheime sowie an 1000 Privatkunden.

Haben sie dafür einen eigenen Vertrieb aufgebaut?

B.M.: Es ist schon wichtig, dass der Landwirt eine gewisse Vermarktungskompetenz hat. Das löst viele Probleme. Das ist sicher nicht für alle die Marschrichtung, aber man kann das auch über Kooperationen lösen. Kein Weltkonzern kann einen Markt so gut bearbeiten wie jemand vor Ort. Wir merken schon, dass, wenn der Kunde weiß, da fließt ein schöner Anteil des Geldes an den Landwirt, ist er auch bereit, das zu bezahlen.

Neben Eiern und Nudeln haben Sie auch Bio-Weiderinder. Gibt es noch andere Produkte, die sie im „Ideenköcher“ haben?

B.M.: Ideen gibt es viele, man muss es aber auch bewältigen. Mit allem, was bei uns wächst, können wir uns vorstellen mit Partnern gemeinsam Neues zu kreieren. Viel Herzblut steckt im Dinkelprojekt. Wir haben mittlerweile 39 Landwirte, die für uns anbauen. Dadurch haben sie mindestens eine Drei-Felder-Wirtschaft, haben Stroh, den eigenen Dünger. Und wir verkaufen die Produkte zu 99 Prozent in Vorarlberg. Ein schöner Kreislauf, der uns wichtiger ist, als neue Produkte zu haben oder mehr Eier zu verkaufen.

Bei uns ist es ein schöner Kreislauf. Denn jede lineare Entwicklung hat irgendwann ihr Ablaufdatum.

Claudia und Bertram Martin im Gespräch mit den VN in ihrem Büro in Buch.
Claudia und Bertram Martin im Gespräch mit den VN in ihrem Büro in Buch.

Kennzahlen

Martinshof, Buch

» 6 Partnerbetriebe mit je 3000 Hennen, die pro Jahr 270 Eier legen; Gesamtproduktion: 4,5 Millionen Eier im Jahr

» 200 Tonnen Dinkel werden im Jahr verarbeitet, das ergibt neben Mehl 120 Tonnen Nudeln

» 8 Mitarbeiter

» 2620 Hennen

Zur Person

Claudia und Bertram Martin

betreiben den Martinshof in Buch; Eigentümer und Geschäftsführer der Martinshof Vertriebs GmbH ist Bertram Martin

Geboren: Claudia Martin am 17.11.1981, Bertram Martin am 29.8.1968

Ausbildung: Claudia Martin ist Diplomierte Sozialpädagogin; Bertram Martin besuchte die Landwirtschaftliche Fachschule, absolvierte den Landwirtschaftsmeister sowie eine Fachausbildung in Richtung Geflügel

Familie: verheiratet, zwei Kinder