Andreas Scalet

Kommentar

Andreas Scalet

Ist denn schon Weihnachten?

18.11.2015 • 21:23 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Das hat uns so niemand gesagt, und vielleicht gibt es auch gar keinen Zusammenhang. Aber mit diesen Auswirkungen hätten wir auch nicht gerechnet. Der Klimawandel, so zeichnet sich ab, macht auch vor Traditionen nicht halt. Derzeit herrscht in Vorarlberg das, was die Italiener „Primavera in novembre“ nennen, Frühling im Herbst nämlich. Und genauso wie die Jahreszeiten außer Tritt geraten sind, genauso verschieben sich derzeit unsere traditionellen Feiertage. Hätten wir‘s gewusst, wir hätten besser auf das Klima achtgegeben.

„Ja, ist denn schon Weihnachten?“, fragte der ins Gerede gekommene Fußballkaiser Franz Beckenbauer im Werbefernsehen. Dieselbe Frage stellten und stellen sich Konsumenten, wenn sie einen Supermarkt betreten. Spätestens Ende September und im Wettstreit mit der Halloween-Ware machten sich Engel und Nikoläuse in den Regalen breit, beanspruchten zudem Platz für ihre bunten Gaben und natürlich für die Ingredienzien der Weihnachtsbäckerei. Wegen der Unwägbarkeiten der Verkaufszeiträume bricht zuweilen schon Panik unter Weihnachtsbäckern aus, weil Haselnüsse schon jetzt wieder aus den Regalen verschwinden könnten. Aber nicht nur im stationären Handel sehen sich die Kunden mit den verschobenen Terminen konfrontiert, auch die Weihnachtsmärkte beginnen jetzt bereits Mitte November. Bregenz ist gewappnet mit Glühweinständen. Und ganz sicher findet sich nach diesem Vorstoß der Bregenzer im nächsten Jahr eine Stadt, die das toppt und noch eine Woche nach vor verlegt. Dann gibt‘s statt Glühwein halt einen Hugo.

Übrigens: Der echte Christkindle-Markt, jener in Nürnberg, der seit 1530 durchgeführt wird, trotzt den Kapriolen. Er wird zum ersten Advent eröffnet, und dann bleibt gut Zeit, sich aufs Fest einzustimmen, und natürlich fürs Christmas-Shopping. Allerdings: Dafür müssen Produzenten, Händler und zuallerst die Konsumenten etwas tun: Die Nikoläuse später gießen, die Regale erst im November mit Glitzer und Lametta bekränzen und vor allem nicht schon im September insistieren, wenn noch keine Lebkuchen erhältlich sind. Aber ehrlich: Wieso sollten sich nicht auch die Feiertagstermine verschieben, wenn sonst schon alles aus den Fugen gerät?

Die Handelsfirma Gunz hat bereits Anfang November die ersten Osterhasen ausgeliefert. Sie befinden sich auf dem Weg nach Grönland. Nicht darum, weil die Inuit schon den Frühling herbeisehnen. Sondern einfach darum, weil bis dahin kein Schiff mehr die Eisinsel ansteuert.

Wieso sollten sich nicht auch die Feiertage verschieben, wenn sonst schon alles aus den Fugen gerät?

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