„Viele Risiken werden unterschätzt“

07.04.2017 • 17:35 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Landesdirektion ist in der Feldkircher Villa Menti.
Die Landesdirektion ist in der Feldkircher Villa Menti.

Feldkirch. Burkhard Berchtel setzt als Landesdirektor der Wiener Städtische Versicherung auf Vertrauen und Kundennähe. Im Interview spricht er über die größten Risiken und was die Digitalisierung für den Außendienst bedeutet.

Wie gut sind die Vorarlberger versichert?

Berchtel: Der Vorarlberger ist ein risikobewusster Mensch. Er will eine optimale Absicherung und eine gute Lösung. In den Bereichen Eigenheim, Haushalt und Kfz ist er auch sehr gut versichert.

Aber es gibt aus Ihrer Sicht noch Themen, die vernachlässigt werden?

Berchtel: Im Bereich der Vorsorge haben wir schon noch Handlungsbedarf. Die Pflege ist ein Thema, das man eher noch vor sich herschiebt. Auch die Berufsunfähigkeit ist ein existenzbedrohendes Risiko, wird aber noch immer stark unterschätzt. Während in Deutschland bereits jeder Zweite eine derartige Versicherung abschließt, ist es hierzulande nur jeder Vierzigste. Wir merken in der Beratung, dass zwar die Wichtigkeit gegeben ist, aber Entscheidungen dann oft nur zögerlich getroffen werden. Aber wir merken auch in kleinen Schritten, dass wir mit unseren Produkten weiterkommen.

Wieso werden diese Themen Pflege und Berufsunfähigkeit unterschätzt?

Berchtel: Oft denkt man: „Mir passiert das nicht.“ Darum schieben das viele noch vor sich her.

Welche Versicherungssparten haben für die Wiener Städtische künftig die größten Wachstumspotenziale?

Berchtel: Das größte Wachstum wird sicher aus dem Bereich Gesundheit und Privatvorsorge kommen. Bei der Krankenversicherung sehen wir einen geänderten Markt. Der Kunde beschäftigt sich viel mehr mit dem Thema und möchte abgesichert sein. Wobei für uns Vorsorge nicht nur auf das Alter bezogen ist, sondern das gesamte Leben betrifft.

Apropos Privatvorsorge: Kann man trotz Niedrigzinsumfeld einem jungen Menschen heute mit gutem Gewissen eine Lebensversicherung zur Altersvorsorge empfehlen?

Berchtel: Das ist ein großes Thema. Die klassische Lebensversicherung mit 0,5 Prozent Garantiezins ist natürlich nicht mehr so attraktiv. Wir haben uns mit neuen Produkten beschäftigt, die anders gestaltet sind und haben nun Hybrid-Produkte, die die klassische mit der fondsgebundenen Lebensversicherung kombinieren. Als Versicherung können wir mit der garantierten lebenslangen Rente das Thema Langlebigkeit abdecken. Das ist für den Kunden sehr wichtig.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Geschäft in Vorarlberg?

Berchtel: Wir wachsen. Das hat sicher mit den Vertriebswegen zu tun. Da haben wir unseren Stammvertrieb sowie den Partnervertrieb durch Unabhängige, und wir kooperieren mit den Sparkassen. Im Mix mit innovativen Produkten und guten Arbeitsprozessen ermöglicht uns das dieses Wachstum. Genauso sind die Grenzgänger für uns ein ganz wesentliches Thema. Ein Treiber im Land ist natürlich auch die heimische Wirtschaft, für die wir ein starker Risikoträger sein möchten.

Was sind hier die großen Risiken für Unternehmen?

Berchtel: Immer mehr Unternehmen sind mit steigenden Cyber-Risiken konfrontiert. Gerade in den letzten Jahren sind die Gefahren, die im Internet lauern, stark gestiegen. Im Risikomanagement geht es in der Beratung darum zu klären, welche Risiken der Unternehmer selber trägt und welche er absichern will. Ein Vorteil für unsere Unternehmer-Kunden ist auch, dass wir regionale Betriebe bei Haftpflichtversicherungen auch über die Grenzen hinaus begleiten können.

Die Digitalisierung macht auch vor Versicherungen nicht Halt. Wie reagiert die Wiener Städtische darauf und was bedeutet das für die Zukunft des Außendienstmitarbeiters?

Berchtel: Die Digitalisierung steht momentan im Fokus. Wir haben verschiedene Schritte gesetzt. Unser Außendienst hat auf unserer Website untergeordnet seine eigene Homepage, und der Kunde kann darüber online Reise-, Studenten- oder
E-Bike-Versicherungen abschließen. Zudem haben wir einen Web-Chat für Beratungen.

Was bedeutet das für die Zukunft den Außendienstmitarbeiter?

Berchtel: Auf den Außendienst kommen bestimmte Veränderungen zu, er muss von Altgewohntem loslassen, hat aber dafür für spezifischere Dinge mehr Zeit. Trotz Digitalisierung wollen wir das Ziel der persönlichen Beratung nicht in einen anderen Fokus stellen. Sie wird bei uns trotz Digitalisierung eher an Bedeutung gewinnen. Für die Kundenbindung sind unsere Mitarbeiter ganz entscheidend.

Lassen sich junge Menschen nach wie vor für den Versicherungsberuf begeistern?

Berchtel: Wir haben acht Lehrlinge und bekommen im Herbst vier weitere. Wir wollen jungen Menschen die Möglichkeit geben, etwas zu erlernen. Eine schöne Bestätigung für uns ist, dass Lehrlinge uns in ihrem Kreis schon weiterempfehlen. Die Lehre hat bei uns einen hohen Stellenwert. Viele Nachbesetzungen der letzten Jahre bei uns sind durch ehemalige Lehrlinge erfolgt. Vielleicht bin ich persönlich auch geprägt, weil ich selber eine Lehre gemacht habe und ich auch froh war, dass ich die Chancen bekommen habe. Das geben wir nun als Unternehmen weiter.

Landesdirektor Burkhard Berchtel mit Werbeträger Paul Pech, um den sich der Werbeauftritt der Wiener Städtischen dreht.  Fotos: VN/Paulitsch
Landesdirektor Burkhard Berchtel mit Werbeträger Paul Pech, um den sich der Werbeauftritt der Wiener Städtischen dreht. Fotos: VN/Paulitsch

Kennzahlen

Wiener Städtische in ­Vorarlberg

» Prämienvolumen 2016:
64,9 Millionen Euro

» 86 Beschäftigte, 8 Lehrlinge

» 4 Geschäftsstellen

» 40.000 Kunden 

» Landesdirektor: Burkhard Berchtel

Zur Person

Burkhard Berchtel

Landesdirektor Wiener Städtische

Geboren: 11. August 1957

Ausbildung: Lehre als Fernseh- und Radiotechniker, Institut der Versicherungswirtschaft St. Gallen

Laufbahn: 1979 Interunfall, 1992 Greco Dornbirn, 1994 Wiener Städtische, 1995 Mitglied Geschäftsleitung Greco Österreich, seit 1. Juni 2006 Landesdirektor Wr. Städtische

Familie: verheiratet, zwei Kinder, vier Enkel