Tourismus-Gastgeberschule Gascht: „Jeder findet seinen Weg“

Markt / 07.03.2019 • 20:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Sophia aus Innerberg ist im zweiten Jahr Schülerin der Gascht. VN/PAulitsch
Sophia aus Innerberg ist im zweiten Jahr Schülerin der Gascht. VN/PAulitsch

Tourismus-Gastgeberschule Gascht startet ins dritte Jahr und hat trotz ihres Erfolgs der Lehre nicht geschadet. Im Gegenteil.

Hohenems Sophia (16) war gerade mit ihrer Mutter zuhause in Innerberg am Kochen, als sie den Werbespot im Radio hörte. Beworben wurde darin die Gascht, die neue Gastgeberschule für Tourismusberufe. Für die Montafonerin die Initialzündung, sich zu bewerben. „Ich wollte keine Lehre machen und keine klassische Schule besuchen. Ich habe mir dann die Gascht angeschaut und es hat mir gleich zugesagt“, sagt sie im VN-Gespräch. Heute ist Sophia in der zweiten Klasse, hat neben der theoretischen Ausbildung bereits verschiedene Betriebe kennengelernt und wird bald im Hotel Fernblick in Bartholomähberg ihre Praxiszeit starten.

Die Idee der Gascht entstand 2012 im Rahmen der Tourismusstrategie. Der Bedarf an Fachkräften führte die Verantwortlichen der Sparte Tourismus in der Wirtschaftskammer dazu, in der Ausbildung einen völlig neuen Weg einzuschlagen. „Wir haben gemerkt, das wird das größte Problem in der Zukunft“, erklären Spartenobmann Elmar Herburger (Mohren, Rankweil) und Saprtengeschäftsführer Harald Furtner. Bis zum tatsächlichen Start dauerte es dann noch fünf Jahre. Denn die neue Ausbildung passte zunächst nicht ins normale Schulsystem.

Heute ist die Gascht im zweiten Ausbildungsjahr und bildet an den drei Schulstandorten Bludenz, Bezau und Hohenems 129 junge Menschen aus. „Die Klassen sind voll. Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt Herburger nicht ohne Stolz.

Stolz ist er auch darauf, dass allen Unkenrufen zum Trotz, die Befürchtung nicht eingetreten ist, dass durch die neue Ausbildung die Lehre an Bedeutung verlieren würde. „Es gibt keine Rückgänge bei den Lehrlingen, sondern 2018 sogar ein Plus von 8,05 Prozent im ersten Lehrjahr.“ Man merke nun das das positivere Image der touristischen Ausbildung.

Die duale Berufsausbildung in der Gascht dauert vier Jahre. Das erste Jahr gilt dabei vor allem der Orientierung, in dem der persönlich zugeschnittene Ausbildungsweg geplant wird. In den darauffolgenden drei Jahren entscheidet man sich für eines der drei Module Service & Gastgeberkompetenz, Rezeption & Hotelmanagement oder Küche & Kulinarik. Ergänzt wird die Ausbildung durch Wahlmodule wie Food-Fotografie, Käseherstellung, Naturkunde, Marketing oder Sprachen. Praktika werden in Tourismusbetrieben, beim Weinbauer oder in der Sennerei absolviert. Zudem kann man Zertifikate als Käsekenner, Jungsommelier oder Jungbarkeeper erwerben und am Ende haben die Schüler sowohl Hotelfachschul- als auch Lehrabschluss in der Tasche.

Elmar Herburger, Thomas Hilbrand, Nicole Okhowat-Lehner und Harald Furtner.
Elmar Herburger, Thomas Hilbrand, Nicole Okhowat-Lehner und Harald Furtner.

Die Gascht will damit neben dem hohen Anteil an Praxiszeit das Lernen erlebnisorientiert gestalten und die Talente der Schüler dementsprechend fördern. „Jeder findet seinen Weg“, sagt Sophia über die Vorteile.

Thomas Hilbrand ist Lehrer am Standort Bludenz. Aber eigentlich ist er viel mehr. Die Umstellung von der Hotelfachschule zur Gascht war für ihn spannend. „Wir haben die Möglichkeit, die Schule mitzugestalten, während das System zuvor in Stein gemeißelt war.“ Die Schüler hätten eine konkrete Vorstellung in welche Richtung sie gehen wollen. „Für mich bedeutet das auch, mehr darin gefordert zu sein, sie zu ihrem Ziel zu führen. Man wird also mehr an seinen pädagogischen Fähigkeiten gemessen.“ Zudem sei die Vernetzung mit den Betrieben stärker. Denn Hilbrand ist in der unterrichtsfreien Zeit als Coach unterwegs, besucht die Tourismusbetriebe und führt Gespräche. „Wir fahren zu jedem einzelnen Betrieb“, verdeutlicht Direktorin Nicole Okhowat-Lehner. Denn damit Schüler und Betrieb gut zusammenpassen, darauf wird viel Wert gelegt. Deshalb ist für sie die Gascht auch nicht mehr mit einer Hotelfachschule vergleichbar. Zu vieles ist neu oder anders. in der Privatschule, die kostenlos und offen für alle ist. Künftig übrigens auch für Quereinsteiger und künftig auch mit der Möglichkeit, die Berufsreifeprüfung zu erwerben.

Genauso werden die Inhalte immer vielfältiger. So wird in der Fleischerei der Landwirtschaftsschule die eigene Wurst hergestellt oder mit der Inatura der Biologie- und Geografieunterricht auf Wiesen, in die Berge oder an Seen verlegt.

Elmar Herburger ist nicht nur davon überzeugt, dass die Gascht und die Lehre sich nicht wehtun, sondern auch, dass beide Ausbildungswege zusammen zu neuen Höchstständen in der touristischen Ausbildung führen werden. Aktuell laufen die Bewerbungen für das kommende Schuljahr und das Interesse ist groß. Man rechnet mit 90 weiteren Schülern an den drei Standorten. Bald sollen auch beide Ausbildungswege unter einem Dach vereint sein. Denn in Hohenems entsteht ein gemeinsamer Campus für Gascht und Landesberufsschule. Politisch entschieden ist das Projekt. Herburger hofft nun auf einen Einzug im Herbst 2022.

Fakten

Lehrlinge: 188 im ersten Lehrjahr (+8,05 %), gesamt 491

Gascht: 129 Schüler in zwei Klassen, 90 weitere kommen heuer dazu