Geschafft trotz Hürden

Markt / 12.09.2019 • 16:55 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Zia Malikzai ist mit seiner Änderungsschneiderei nicht mehr von Unterstützung abhängig.  vn/hrj
Zia Malikzai ist mit seiner Änderungsschneiderei nicht mehr von Unterstützung abhängig.  vn/hrj

Asylwerber aus Afghanistan betreibt erfolgreich eine Änderungsschneiderei.

Heidi Rinke-Jarosch

wolfurt Konzentriert sitzt Zia Malikzai an der Pfaff-Nähmaschine. Eine Jeanshose muss um fünf Zentimeter kürzer werden. Die Nadel bohrt sich rhythmisch in das Stoffteil.

Zia Malikzai ist stolz. Er hat es geschafft, seine eigene Änderungsschneiderei auf die Beine zu stellen. Und das trotz der Hürden, die der 32-jährige Flüchtling aus Afghanistan überwinden musste. Er ist noch Asylwerber und besitzt daher „nur“ die sogenannte weiße Aufenthaltsgenehmigungskarte. Diese dokumentiert, dass sich deren Besitzer für die Dauer seines Asylverfahrens im Land aufhalten darf.

Zia Malikzai kommt aus Dschalalabad. Dort werden, wie in den anderen Städten Afghanistans, immer wieder Anschläge verübt. Vornehmlich sprengen sich Suizid­attentäter in die Luft und reißen dabei zahlreiche Menschen mit in den Tod. Dort hat Malikzai seine Ehefrau und vier Kinder zurückgelassen.

Malikzais Fluchtweg führte über den Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien und Ungarn nach Österreich. Er kam am 16. Juli 2015 in Burgenland an und wurde ins Erstaufnahmezentrum Traiskirchen gebracht. Drei Monate später landete er mithilfe der Caritas in Vorarlberg. An jenem Tag kam sein jüngstes Kind, eine Tochter, zur Welt. Er hat sie noch nie berührt. Er kennt sie nur via WhatsApp. „Hier habe ich auch eine Familie“, sagt Malikzai. Er nennt sie seine „Österreichfamilie“: Sie kümmert sich sehr um mich. Dafür bin ich dankbar.“

Im Rahmen seines Asylverfahrens hatte er bislang vier Anhörungen. Die erste, beim BFA (Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl) in Rankweil, endete mit einem Negativbescheid. Von den anderen, die in Wien stattfanden, stehen die Bescheide noch aus. Demnach ist noch offen, ob Malikzai bleiben kann. Die Angst, abgeschoben zu werden, sitzt ihm indes im Nacken. „In Afghanistan überlebe ich nicht.“ Davon ist er überzeugt. 

Endlich selbstständig

Nach drei Jahren Caritas-Betreuung wollte Malikzai nicht mehr von der Grundversorgung, also von staatlicher Unterstützung, abhängig sein. Er wollte arbeiten, sich selbst erhalten.

Job bekam er jedoch als Asylwerber keinen. „Ich überlegte, was ich machen kann.“ In Dschalalabad hat Malikzai eine Schneiderausbildung absolviert. „So sagte ich zu meiner Österreich-Mama, dass ich eine Änderungsschneiderei aufmachen möchte. Sie sagte, das ist eine gute Idee.“ Bei der Caritas, wo er sich informierte, hieß es, er müsse zur Bezirkshauptmannschaft Bregenz gehen. Dort bekam er die entsprechenden Dokumente, füllte sie aus, gab sie ab. Keine Antwort. „Zwei Monate später versuchte ich es noch einmal“, erzählt Malikzai. Die gleiche Prozedur folgte. Er füllte die Dokumente aus, gab sie ab, wartete auf Antwort. Es kam keine. Erst mit Unterstützung von einheimischen Freunden habe Zia die behördliche Bewilligung bekommen.

Die nächste Hürde war die Suche nach einem Geschäftslokal. Das Schwierigste sei für ihn gewesen, das Vertrauen der Vermieter zu gewinnen. „Wer meine weiße Karte sah, sagte Nein.“ Irgendwann sei er so weit gewesen, aufzugeben. „Doch dann beschloss ich weiterzusuchen.“

Nach drei Monaten zog er in der Kellhofstraße 5 in Wolfurt ein. Er kaufte Industrienähmaschinen, eine Bekannte stellte ihm eine Overlock-Maschine zur Verfügung. Und er deckte sich mit Material und Zubehör ein, das er von Bestoff Textilien in Lauterach, Sperger Stoffe in Lustenau und Baschnegger Stoffe in Bregenz bezieht.

Am 20. November 2018 eröffnete Zia Malikzai seine Änderungsschneiderei. Und er hat eine Menge zu tun. Er fängt morgens zwischen 7 Uhr und 8 Uhr an zu arbeiten und hört abends gegen 19 Uhr auf. „Ich habe viel zu tun. Ich kann davon leben“, sagt Malikzai zufrieden. Zugute kommt ihm auch, dass das Reparieren von Kleidungsstücken wieder im Trend ist. Soeben hat eine Kundin ihre Sachen abgeholt: Eine Jacke, die einen neuen Reißverschluss brauchte, und eine Hose, deren Saum ausgebessert werden musste.

Viel zu tun

An den Ständern hängen an die 40 Kleidungsstücke. Mehr als die Hälfte davon muss noch repariert werden. Zia Malikzai setzt sich wieder an die Nähmaschine und macht sich an die Arbeit.

Zur Person

Zia Malikzai

Geboren 12. März 1987

Wohnort Bregenz

Beruf Schneider

Familie Verheiratet, vier Kinder