Voest-Chef Eibensteiner: „Zeit hat sich geändert“

Markt / 13.11.2019 • 18:53 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Herbert Eibensteiner, neuer Chef des Stahlkonzerns Voestalpine. Fabry
Herbert Eibensteiner, neuer Chef des Stahlkonzerns Voestalpine. Fabry

Wieso das jetzige Umfeld nach anderen Maßnahmen verlangt.

Wien Ein einfacher Start war Herbert Eibensteiner nicht vergönnt. Seit Juli ist er der neue Chef des Linzer Stahlkonzerns Voestalpine. Handelskonflikte und die Schwäche der deutschen Automobilindustrie haben die Gewinne einbrechen lassen. Er verrät, wie sich die Zeiten geändert haben und welche Rahmenbedingungen eine neue Regierung schaffen muss, um umweltfreundliche Innovation und Wirtschaftlichkeit zu vereinen.

 

Sie übernehmen die Führung in schwierigen Zeiten. Wie geht es in den ersten Monaten im neuen Amt?

Eibensteiner Das Team ist gut. Die weltweit 52.000 Mitarbeiter ziehen mit. Das ist positiv. Es hat jeder verstanden, dass wir uns sehr schnell an die aktuelle Situation anpassen müssen. Das ist entscheidend in so einem wirtschaftlichen Umfeld. Bei all den Maßnahmen sehen wir, dass sie gut wirken. Wir können schnell reagieren, ohne die langfristigen Ziele aus den Augen zu verlieren.

 

Die Reihe der Rekordergebnisse brach schon im letzten Jahr ab, Billigstahl aus China schwemmt nach Europa, Konjunktur flacht ab, die deutsche Automobilbranche als wichtiger Absatz schwächelt, wo sehen Sie den Erfolg der Voestalpine in den nächsten fünf Jahren?

Eibensteiner Ganz klar bei zukünftigen Innovationen, durch immer bessere Produkte und den Standort Österreich mit seinen hervorragenden Mitarbeitern. Am Montag haben wir unsere Wasserstoffpilotanlage in Linz in Betrieb genommen. Sie ist die weltweit größte ihrer Art. In Kapfenberg wird 2021 das modernste Edelstahlwerk seinen Betrieb aufnehmen und Spezialprodukte zum Beispiel für die Luftfahrt produzieren. Wir wollen langfristig denken, deswegen werden auch in Kosteneinsparungszeiten Forschung und Entwicklung oder Ausgaben für die Lehrlinge nicht gekürzt.

 

Sehen Sie bei der Schwäche der Automobilbranche Licht am Ende des Tunnels?

Eibensteiner Einerseits gibt es den konjunkturellen Abschwung und anderseits die Frage, welches Antriebskonzept sich durchsetzen wird. Wahrscheinlich werden bis auf Weiteres unterschiedliche Antriebskonzepte bestehen. Mobilität wird ein Grundbedürfnis bleiben. Die Automobilbranche treibt weiterhin Innovation an. Deswegen ist sie für uns sehr wichtig.

 

Ihr Engagement im Batteriebereich bleibt also aufrecht.

Eibensteiner Genau. Wir sind derzeit kaum im Antrieb drin, dafür stark in der Karosserie. Die Karosserie braucht das Elektroauto genauso wie das motorbetriebene Auto. Dabei geht es um Leichtbau und Crashperformance. Batteriekästen müssen crashsicher sein. Dafür haben wir Produkte. Wir produzieren auch Teile für den Elektromotor. Das ist eine Chance, die wir nutzen müssen.

 

Trotzdem ist die Abhängigkeit der Voestalpine von der deutschen Autoindustrie sehr groß.

Eibensteiner Mobilität wird internationaler werden. Europa bleibt ein großer Automarkt und ist nach wie vor ein wichtiger Markt für uns. Aber sich als Voestalpine rein auf Deutschland zu fokussieren, dass ist zu wenig. Daher sind wir auch schon seit vielen Jahren in den USA und in China tätig und werden das weiter ausbauen.

 

Durch das Kosteneffizienzprogramm sollen insgesamt 100 Millionen Euro eingespart werden. Wird es auch Maßnahmen wie zum Beispiel Kurzarbeit geben?

Eibensteiner Derzeit ist Kurzarbeit in Österreich nicht geplant. Es werden Überstunden abgebaut und Stellen nicht nachbesetzt.

 

Haben Sie einen Plan B für eine stärkere Krise in der Tasche? Schließlich könnte sich der Handelskonflikt weiter zuspitzen oder die Große Koalition in Deutschland platzen.

Eibensteiner Unser Plan ist auf die Situation, wie wir sie derzeit sehen, angepasst. Wir könnten diese Pläne bei Bedarf verschärfen. Wir rechnen auch noch mit einem schwierigen nächsten Jahr. Diese bisher gesetzten Maßnahmen sollten aber ausreichen, diese Phase gut zu überstehen.

 

Schrecken Sie die Grünen? Was erwarten Sie sich von der neuen Regierung?

Eibensteiner Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Forschungsförderungen sind uns besonders wichtig. Für uns geht es aber auch um Infrastruktur. Der Ausbau der Stromnetze muss vorangetrieben werden. Erneuerbarer Strom muss günstiger sein. Wir zahlen auch hohe Beträge für CO2-Zertifikate.

 

Was werden Sie anders machen als Ihr Vorgänger Wolfgang Eder?

Eibensteiner Das müssen andere nach einer gewissen Zeit beurteilen. Die Zeit hat sich geändert. Unser jetziges Umfeld verlangt nach anderen Maßnahmen als in der Phase des langen Wachstums in der die Voestalpine eine sehr positive Entwicklung hinlegt hat. Jetzt müssen wir eine andere Toolbox auspacken ohne den langfristigen Kurs aus den Augen zu verlieren.

„Sich als Voestalpine rein auf Deutschland zu fokussieren, das ist zu wenig.“

Das Interview führten die Chefredakteure der Bundeslän-derzeitungen und der Tageszeitung „Die Presse“, für die VN Gerold Riedmann