Israel – ein Land, in dem man keine Umwege nimmt

Markt / 22.11.2019 • 22:21 Uhr / 8 Minuten Lesezeit

Die VN-Innovation-Tour mit 25 Vorarlberger Unternehmern führte heuer in die Start-up-Nation Israel. Das Heilige Land gilt trotz der Sicherheitslage als eines der innovativsten Länder der Welt. Wie das gelingt? Das Risiko schlägt sich auch auf die unternehmerische Haltung nieder. Der Grundstein dafür wird im Militär gelegt.

Fünf Tage vor Reiseantritt: Israels Sicherheitskräfte töten einen Anführer der Palästinenserorganisation „Islamischer Dschihad“ im Gazastreifen. Militante Palästinenser reagieren mit 190 Raketen, die sie auf Israel abfeuern. Auch in Tel Aviv heulen die Sirenen, Explosionen sind zu hören. Schulen und Büros bleiben geschlossen. Zwei Tage später wird eine Waffenruhe erreicht. Was für Ausländer schwer begreiflich ist, ist in Israel Normalität.

Das spürt man allerorts. Die Menschen scheinen unaufgeregt, eine übermächtige Polizeipräsenz sucht man vergebens. Das Leben in Tel Aviv pulsiert.

Die stets ungewisse Sicherheitslage und die politischen Konflikte haben in Israel zu einem weltweit vielbeachteten Phänomen geführt. Denn das Land im Nahen Osten gilt als eines der innovativsten Länder der Welt. Längst hat sich der Begriff „Start-up-Nation“ etabliert. Es ist eine eigene unternehmerische Haltung, die sich durchgesetzt hat. Widerstände und Risiko sind so in der DNA verankert, dass diese Maßstäbe auch fürs Unternehmertum gelten. „In Israel geht man keine Umwege. Dafür hat man gefühlt keine Zeit“, gibt Eveline Steinberger-Kern den 25 Teilnehmern der VN-Innovations-Tour Einblicke hinter die Kulissen. Die österreichische Unternehmerin führt in Tel Aviv die Blue Minds Gruppe, die sich der Transformation im Energiesektor widmet.

Militär als Talenteschmiede

Nicht umsonst spricht man in Israel auch von „Chuzpe“, was im Jiddischen so viel wie intelligente, charmante Unverschämtheit bedeutet. „In Israel tritt man selbstbewusst für seine Ideen ein“, sagt Steinberger-Kern. Das hat auch mit der Bedeutung des Militärs zu tun, in dem es keine Hierarchien gibt. Männer werden für drei Jahre, Frauen für zwei Jahre eingezogen. Aber die Vorauswahl, welcher Jugendliche für welche Aufgabe am talentiertesten erscheint, wird bereits in der Schule getroffen. Dabei gilt vor allem die Cyber-Eliteeinheit „8200“ als die Schmiede für jene Talente, die nach der Zeit im Militär oft in der Technologiebranche reüssieren.

Über 6200 Start-ups tummeln sich in Israel. Das wohl bekannteste ist Mobileye, das auf Kamerasysteme für selbstfahrende Autos spezialisiert ist und vor zwei Jahren für 15 Milliarden Dollar von Intel gekauft wurde. Dass in einem Land ohne Automobilindustrie ein Hightechmobilitätskonzern beheimatet ist, auch das ist Israel. Denn mit dem Bewusstsein, dass der Heimmarkt mit 8,7 Millionen Einwohnern und einer Fläche nur gering größer als Niederösterreich zu klein ist, werden Technologien entwickelt, die global von Interesse sind.

Zudem wurde das Hightechpotenzial seit jeher auch vom Staat gefördert, der privaten Investoren allerhand Anreize bot und so Milliarden ins Land brachte. „Es ist extrem viel Risikokapital vorhanden“, sagt auch Steinberger-Kern.

Check Point Software Technologies ist Marktführer für Cyber-Sicherheitslösungen für Netzwerke. Die drei Gründer starteten vor 25 Jahren nach ihrer Tätigkeit in der Cybersicherheitseinheit des Militärs. Das Credo des 5400-Mitarbeiter-Konzerns: Die Welt sicherer zu machen, wie Raphael Bitterli beim Unternehmensbesuch erzählt. Auch wenn das nicht einfacher wird. Drohnen, Smartphones und selbstfahrende Autos bergen zusätzliche Gefahren. Cyberattacken können ganze Konzerne lahmlegen. „Wir glauben deshalb an Prävention“, sagt der gebürtige Basler.

Einen Kontrast zum pulsierenden Tel Aviv bildet Jerusalem mit seinen jüdischen, christlichen, armenischen und muslimischen Vierteln. Klagemauer und Grabeskirche sind Ziel von rund vier Millionen Touristen im Jahr. Daniela Epstein führte unlängst Bundeskanzler Sebastian Kurz durch die Altstadt. Diesesmal die Vorarlberger Delegation. Mitten im muslimischen Viertel steht das Österreichische Hospiz zur Heiligen Familie. Markus Bugnyar leitet seit 15 Jahren das traditionsreiche Pilgerhaus der katholischen Kirche Österreichs an der Via Dolorosa. „An den Terror muss man sich gewöhnen“, sagt er. 45 Zimmer bietet das Haus, gerade wurde ein neuer Gebäudetrakt eröffnet. Die Mitarbeiter sind Muslime und Christen. Juden nicht. Hier wäre das Sicherheitsrisiko zu hoch.

Hoch sind auch die Mieten. Ein Schicksal, das vor allem Tel Aviv mit anderen Technologiestandorten auf der Welt teilt. 100 Quadratmeter kosten ab 5000 Euro. Der monatliche Durchschnittslohn liegt allerdings bei 2639 Euro. Auch Fachkräfte sind nicht mehr so leicht zu finden. Deshalb gibt es Bestrebungen, nun auch die ultraorthodoxen Juden für die Jobs in der Hightechbranche zu begeistern, erklärt Gilli Cegla, israelischer Unternehmer und Investor, der in den vergangenen Jahren verschiedene Digital-Start-ups mitgegründet und mitaufgebaut hat. Darunter die Gesichtserkennungsfirma face.com, die unlängst an Facebook verkauft wurde. Leicht ist das Fachkräfte-Unterfangen nicht, denn die ultraorthodoxen Juden, die in Israel mittlerweile über 15 Prozent der Bevölkerung stellen, gehen zumeist keiner Arbeit nach. Sie widmen sich vielmehr dem Studium der religiösen Schriften und werden vom Staat beziehungsweise aus dem Ausland finanziell unterstützt.

Neben der Software-Industrie tut sich auch im landwirtschaftlichen Bereich viel. Hier hat Israel aus der Not eine Tugend gemacht. Weil beispielsweise kaum Wasserressourcen vorhanden waren, ist das Land heute weltweit führend im Wasserrecycling. Zudem gibt es ein stark wachsendes Segment für medizinisches Cannabis. Das ist derzeit eines der heißesten Themen im Land. Denn überraschenderweise ist die Pflanze so gut wie nicht erforscht. Während man THC aufgrund der berauschenden Wirkung kennt, gibt es Hunderte weitere Bestandteile, deren Wirkungen noch unbekannt sind, erklärt Yotam Hod von Lumir Lab, einer Forschungs- und Entwicklungsplattform für Cannabis-Produkte.

In Israel steht das Tun im Vordergrund. Wer einmal scheitert, steht wieder auf und macht weiter, ohne das Gesicht zu verlieren. „Scheitern wird als Erfahrung verbucht“, sagt Alexandra Föderl-Schmid, Israel-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung.

Die hohe Dichte an innovativen Start-up-Unternehmen wirkt übrigens stark anziehend. 356 internationale Großkonzerne haben in Israel eigene Forschungs- und Entwicklungszentren. Auch Hilti hat in Tel Aviv nicht nur einen Verkaufsstandort, sondern auch ein Innovationsbüro etabliert. Hier werden Start-ups gesucht, mit deren Lösungen die Produkte des liechtensteinischen Baumaschinenspezialisten verbessert werden können, wie Jonathan Gadish und Alona Shaked erzählen.

Ein Exit, also Firmenverkauf, galt übrigens lange als das große Ziel der israelischen Unternehmer. Das wandelt sich. „Man entwickelt sich von der Start-up-Nation zur Scale-up-Nation“, sagt Eveline Steinberger-Kern. Also nicht gleich zu verkaufen, sondern das Unternehmen zu vergrößern und zu erweitern. Es könnte gelingen, ist doch auch dieser Zugang nicht frei von Risiken.