Gerhard Fehr über die WIFO-Prognose: “Vertrauen braucht länger als Entlastung”

Markt / 10.10.2025 • 14:38 Uhr
Gerhard Fehr

Die VN fragen den angewandten Verhaltensökonomen Gerhard Fehr: Das WIFO erwartet für 2026 erneut steigende Lebensmittelpreise, die Energie und Dienstleistungen bleiben die stärksten Preistreiber. Was bedeutet das für Menschen, die seit Monaten auf echte Entlastung warten?

Das WIFO rechnet weiter mit steigenden Lebensmittelpreisen. Wie erleben die Menschen das?

“Viele spüren eine Art Preismüdigkeit. Die offizielle Inflation sinkt, aber der Einkauf fühlt sich noch nicht leichter an. Das ist kein Widerspruch – das ist Psychologie. Menschen orientieren sich an dem, was sie wöchentlich bezahlen müssen. Wenn der Preis nicht fällt, bleibt das Gefühl, nichts würde sich bessern. Wirtschaftlich stimmt das nicht ganz – emotional aber schon. Genau das muss Politik ernst nehmen: Gefühle von Stabilität sind oft wichtiger als Zahlen.”

Politisch wird über Entlastungen bei Lebensmitteln diskutiert. Was wäre sinnvoll?

“Eine allgemeine Mehrwertsteuersenkung klingt fair, ist aber teuer und wenig zielgenau. Sie hilft auch jenen, die sie nicht brauchen. Effektiver wäre, Grundnahrungsmittel gezielt zu stützen oder Haushalten mit niedrigen Einkommen direkte Unterstützung zu geben. Menschen müssen spüren, dass eine Maßnahme für sie gedacht ist – nicht für ein statistisches Mittel. So entsteht Vertrauen in die Steuerung, nicht bloß Hoffnung auf Zufall.”

Das WIFO spricht von sogenannten Basiseffekten – Preiserhöhungen wirken nach, auch wenn sie abflachen. Wie beeinflusst das Vertrauen?

“Entscheidend ist Erwartungsmanagement. Wenn Politik ehrlich sagt: Die Preise bleiben hoch, aber es stabilisiert sich, können Menschen damit umgehen. Wenn sie dagegen jedes Quartal Entlastung verspricht, die nicht kommt, entsteht Zynismus. Vertrauen wächst nicht, weil es besser wird, sondern weil etwas verlässlich bleibt. Diese Geduld ist heute das größte politische Kapital.”