Börsentipp: Kommt die Inflation zurück?

Karl-Heinz Strube über die mögliche Reaktion der Europäischen Zentralbank.
Bregenz Der sprunghafte Anstieg des Ölpreises bringt ein Thema zurück, das viele Anleger:innen vorläufig abgehakt hatten: Inflation. Tatsächlich kann kostspielige Energie die Teuerungsraten im Euroraum wieder in die Höhe treiben. Die entscheidende Frage ist jedoch nicht, ob die Inflationsrate in den kommenden Monaten wieder steigt. Entscheidend ist, welche Art von Inflation zurückkommt.
Ein Ölpreisschock wirkt nämlich zunächst vor allem über die Energiepreise und damit über die sogenannte Schlagzeileninflation. Das ist zwar unangenehm, bedeutet aber noch nicht automatisch den Beginn einer neuen, selbsttragenden Inflationswelle. Es würde erst dann kritisch werden, wenn sich der Preisanstieg in Löhnen, Dienstleistungen und Inflationserwartungen festsetzt. Also, wenn sich aus einem externen Schock ein breiter binnenwirtschaftlicher Preisdruck entwickelt.
Genau deshalb dürfte die EZB diesmal anders reagieren als in der letzten großen Inflationsphase. Sie weiß, dass ein höherer Ölpreis nicht nur inflationär wirkt, sondern zugleich auch das Wachstum belastet. Ein solcher Schock ist geldpolitisch heikel. Er treibt die Preise nach oben und schwächt gleichzeitig die Konjunktur. Für vorschnelle Zinsschritte ist dies kein ideales Umfeld.
Die Notenbank wird daher wohl nicht auf den ersten Ausschlag beim Ölpreis reagieren, sondern auf mögliche Zweitrundeneffekte. Solange die Inflationserwartungen stabil bleiben und sich der Preisdruck nicht in der Breite festsetzt, dürfte die EZB Zurückhaltung üben. Ihre eigentliche Aufgabe beginnt erst dort, wo aus einem Energieschock wieder ein allgemeiner Inflationsprozess wird.
Für Anleger:innen heißt das: Der Ölpreis ist zwar wieder ein Risikofaktor, jedoch noch kein Beweis dafür, dass die Inflationsära zurückgekehrt ist. Diesmal werden die Märkte weniger auf den ersten Preisschub schauen als auf die Frage, ob sich daraus mehr als ein vorübergehender Energieeffekt entwickelt.