„Ein ganzer Arbeitstag für Bürokratie“

Markt / 25.03.2026 • 15:21 Uhr
„Ein ganzer Arbeitstag für Bürokratie“
Präsidentin und Präsident: Martha Schultz und Karlheinz Kopf kennen sich seit vielen Jahren.Roland Paulitsch

Neue Zahlen zeigen: Bürokratie kostet Unternehmen Milliarden. Wirtschaftskammer fordert Entlastung und will auch selbst effizienter werden.

Schwarzach Bürokratie kostet – nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Viele Unternehmen haben den VN in den vergangenen Wochen geschildert, wie stark sie bürokratische Auflagen im Alltag belasten. Neue Zahlen der Wirtschaftskammer, basierend auf einer Hochrechnung von KMU Forschung Austria, belegen das Ausmaß: Österreichs Betriebe (ohne Banken/Versicherungen) wenden jährlich 21,1 Milliarden Euro für Bürokratie auf.

Auf Vorarlberg entfallen davon rund 950 Millionen Euro. Deshalb verwundert es auch nicht, dass 96,4 Prozent der Betriebe den Bürokratieabbau – neben der Senkung der Lohnnebenkosten – als vordringlichstes Anliegen nennen.

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Einsparungspotenzial enorm

„Nicht alles lässt sich abschaffen, aber das Einsparungspotenzial ist enorm. Schon fünf bis zehn Prozent weniger Bürokratie würden die Betriebe um Milliarden entlasten“, sagt Wirtschaftskammer-Präsidentin Martha Schultz. Die Tiroler Unternehmerin steht seit Jänner an der Spitze der WKÖ, nachdem ihr Vorgänger Harald Mahrer unter Druck geriet und zurücktrat.

„Ein ganzer Arbeitstag für Bürokratie“
Eine BEfürworteri der Mehrwertsteuersenkung ist Martha Schultz nicht: “Im klassischen Schwarzbrot ist Roggen und Weizen drin, auf Weizen gilt der verminderte Steuersatz, auf Roggen nicht. Wer soll denn das administrieren?”Roland Paulitsch

Wie stark der Aufwand im Alltag ins Gewicht fällt, verdeutlicht eine weitere Zahl: „Ein kleiner Betrieb verbringt im Schnitt neun Stunden pro Woche mit Bürokratie. Das ist ein ganzer Arbeitstag.“ Und manchmal nimmt die Regulierung skurrile Züge an: „Ein Gastronom wollte einen kleinen Eiswagen im Gastgarten aufstellen. Die Genehmigung dauerte drei Jahre und verursachte 30.000 Euro an Anwaltskosten – wegen einer angeblichen Veränderung des Stadtbilds.“

Auch Vorarlbergs Wirtschaftskammer-Präsident Karlheinz Kopf fordert ein Umdenken: „Das Ziel muss sein, Projektwerber dabei zu unterstützen, ihre Vorhaben zu realisieren.“ Es brauche eine „Kultur des Ermöglichens“.

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Karlheinz Kopf ist Teil der neuen Reformgruppe der Wirtschaftskammer.Roland Paulitsch

“Der nächste Supergau”

Ein strukturelles Problem orten Schultz und Kopf auch auf europäischer Ebene: das „Gold-Plating“, also die Übererfüllung von EU-Vorgaben in Österreich. Als Beispiel nennen sie die geplante EU-Entgelttransparenzrichtlinie. Hier drohe „der nächste Supergau“. Österreich habe bereits eine Kollektivvertragsabdeckung von 98 Prozent und diese sei ohnehin geschlechterneutral ausgestaltet.

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Große Hoffnung setzt die Wirtschaft zudem auf eine Senkung der Lohnnebenkosten. „Wir müssen bei den Stückkosten auf deutsches Niveau kommen“, sagt Schultz. Das bedeutet von derzeit knapp 30 Prozent in Richtung unter 25 Prozent. „Es tut mir im Herzen weh, wenn mir ein Unternehmer sagt, ein Standort in Österreich sei reine Liebhaberei“, sagt Schultz.

Auch die Wirtschaftskammer selbst will schlanker werden. Ziel sei eine Entlastung der Mitglieder bei den Kammerumlagen. Derzeit läuft eine Evaluierung, konkrete Maßnahmen sollen im Juni folgen. „Wir haben viele Angebote mit echtem Mehrwert, die wir stärken wollen. Aber es gibt auch Leistungen, die es nicht mehr braucht.“ Einsparungspotenzial sieht Schultz etwa auch bei Doppelstrukturen zwischen Bundes- und Länderkammern.

Nicht überall wird gejubelt

Dass Reformen nicht überall auf Zustimmung stoßen, sei klar. „Aber die Zielvorgabe ist mehr Effizienz auf allen Ebenen.“ Das für 2026 veranschlagte Minus der Kammer von 4,2 Millionen Euro soll zumindest auf eine schwarze Null reduziert werden. Seit Jänner gilt daher ein Stopp für Neuanstellungen.

„Ein ganzer Arbeitstag für Bürokratie“
Österreich habe kein Einnahmen- sondern ein Ausgabenproblem: “Allein wenn man das faktische Pensionsantrittsalter um ein halbes Jahr nach oben verschiebt, wären das 1,5 Milliarden Euro pro Jahr.”Roland Paulitsch

Nach den Turbulenzen des vergangenen Jahres geht es für die Kammer auch um Vertrauen: „Diese Vorkommnisse haben uns Glaubwürdigkeit gekostet“, sagen Schultz und Kopf. „Jetzt müssen wir wieder in die Offensive kommen. Die Wirtschaft braucht eine starke Vertretung, die Verbesserungen durchsetzen kann.“

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