“Angemessene Löhne stärken definitiv die Kaufkraft”

In schwierigen wirtschaftlichen Zeiten wird auch bei den KV-Verhandlungen um jeden Cent gerungen. Doch dass Löhne die größten Inflationstreiber sind, will die Gewerkschaft nicht so stehen lassen.
Bregenz Die derzeitigen Kollektivvertragsverhandlungen (KV) in mehreren großen Branchen verlaufen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern nicht gerade harmonisch. Was kein Wunder ist, blickt man auf die Entwicklung der Wirtschaft und den neuerlichen Anstieg der Inflation, die hauptsächlich geopolitischen Verwerfungen geschuldet sind. Die Gewerkschaften wollen heuer trotz der nicht einfachen Wirtschaftslage für die Arbeitnehmer eine reale Lohnerhöhung erreichen und verweisen zur Unterstützung ihrer Forderungen auf Zahlen des Tariflohntrackers, den das Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) mit Zahlen füttert, die beiden KV-Partnern eine Basis für die Verhandlungen liefern. Der interaktive Tariflohntracker ermöglicht den Vergleich von Produktivität, Tariflöhnen und Verbraucherpreisen und gibt die kollektivvertraglichen Mindestlöhne und nicht die Ist-Löhne wieder.

Denn wie für die Unternehmen war das vergangene Jahr auch für Arbeitnehmer ein schwieriges: Die KV-Mindestlöhne sind nämlich real um 0,4 Prozent zurückgegangen, während die Konsumkosten – so zeigt es der Vergleich der monatlichen Haushaltsausgaben zwischen 2019/20 und 2024/25 – um 28,3 Prozent gestiegen sind. Marcel Gilly, Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft der Privatangestellten (gpa), betont, dass sich niedrige oder aus Sicht der Arbeitnehmer zu niedrige KV-Löhne für die heimische Wirtschaft insgesamt fatal auswirken.
Globale Krisen als Treiber
“Angemessene Löhne stärken definitiv die Kaufkraft”, betont der Vorarlberger Gewerkschafter, “der Inlandskonsum ist gerade in so schwieriger Zeit ein wichtiger Faktor für den Wirtschaftsstandort”. Die Lohnkosten seien nicht der wesentliche Faktor bei der Entwicklung der Inflation, argumentiert Gilly angesichts der KV-Verhandlungen. Zumindest aber – auch das zeigen die Zahlen – tragen die Lohnkosten ihr Schärflein, konkret rund ein Viertel, zur Inflation bei. “Drei Viertel der Inflations-Faktoren sind auf globale Engpässe oder Einflüsse von außen zurückzuführen”, betont Marcel Gilly. Hier müsse man ansetzen, “das Gebot der Stunde ist es, schnellstens einzugreifen”, appelliert Gilly im Gespräch mit den VN an die Bundesregierung. Die Entlastung der Lohnnebenkosten, welche die Regierung für 2028 angekündigt habe, sei erstens noch sehr weit weg und andererseits müsse auch genau darauf geachtet werden, dass diese Entlastung nicht auf Kosten der Arbeitnehmer gehe.
Einigung auf Augenhöhe
Die laufenden Kollektivvertragsverhandlungen führe man aber in sozialpartnerlicher Tradition mit Rücksicht auf die Geschäftslage, allerdings müsse man die jeweilige Situation in den einzelnen Branchen berücksichtigen: “Nicht in allen Bereichen ist die Entwicklung schwierig, es gibt auch Branchen, die Milliardengewinne machen und die trotzdem nichts an die Mitarbeiter abgeben wollen”, erklärt der Gewerkschafter und spricht in diesem Zusammenhang von Respektlosigkeit gegenüber den Arbeitnehmern. Dass die Arbeitnehmer-Vertreter Rücksicht nehmen, zeige sich im Lohnabschluss der Textilindustrie, “das hat sehr gut funktioniert und wir haben einen Abschluss mit einem maßvollen Plus von 2,9 Prozent erzielt”.