Börsentipp: Nicht nur Technologie!

Markt / 07.08.2026 • 11:02 Uhr
Börsentipp: Nicht nur Technologie!

Experte Stefan Bruckbauer (UniCredit Bank Austria) zum Vergleich des US-Aktienmarktes mit Europa.

Wien Seit Beginn des Jahres konnten die Börsen in Europa mit einer Performance von knapp über 10 Prozent zwar mit jener in den USA mithalten. Doch die längere Entwicklung zeigt ein deutlich anderes Bild – etwa seit Ende 2019. In diesem Zeitraum gelang es den US-Aktienmärkten, mit ihren Bewertungsgewinnen und Dividenden einen fast doppelt so hohen Ertrag zu erzielen wie ihre europäischen Pendants. Allein die Bewertungen der Unternehmen stiegen mehr als doppelt so stark. Konkret sind die 500 Unternehmen im wichtigsten Aktienindex der USA heute 150 Prozent mehr wert als Ende 2019, die 600 Unternehmen im europäischen Aktienindex, inklusive Vereinigtem Königreich und Schweiz, dagegen nur knapp 60 Prozent.

Sehr oft wird dies mit dem unterschiedlichen Branchenmix erklärt. Technologieunternehmen machen in den USA mehr als 40 Prozent aus, während dieser Wert im europäischen Aktienindex nur bei 8 Prozent liegt. Und weniger dynamische Sektoren wie Finanz, Versorger oder generell die Industrie haben in den USA traditionell einen niedrigeren Anteil. Dies ist jedoch nur ein Teil der Erklärung. Hätte der europäische Aktienmarkt die gleiche Branchenzusammensetzung wie der US-amerikanische, dann wäre zwar der Bewertungsgewinn mit rund 80 Prozent deutlich höher als die tatsächlichen knapp 60 Prozent – er käme aber trotzdem nicht an die 150 Prozent der USA heran. In fast allen Branchen stieg die Bewertung in den USA stärker als in Europa, nicht nur bei Technologiewerten. Von Finanztiteln über jene der Grundstoffindustrie bis zum Fahrzeugbau legten Aktien in den USA stärker zu als in Europa. Ganz zu schweigen von Technologietiteln, deren Wert sich in den USA mehr als vervierfachte, in Europa jedoch “nur” verdoppelte. Selbst in der Paradebranche Europas, der Pharmaindustrie, stiegen die Bewertungen in Europa weniger stark als in den USA.

Sicherlich lässt sich dies zum Teil aus der unterschiedlichen wirtschaftlichen Dynamik erklären. So legte die US-Wirtschaft seit Ende 2019 real um 15 Prozent zu, Europa um 7 Prozent. Aber auch dies erklärt nicht den gesamten Unterschied. Die US-Börse ist heute 180 Prozent der jährlichen Wertschöpfung der USA wert, und 2019 waren es lediglich 120 Prozent. In Europa sind es derzeit knapp 60 Prozent und gerade mal 5 Prozentpunkte mehr als Ende 2019.

Hier liegt auch ein wesentlicher Teil der Erklärung: US-Unternehmen sind traditionell höher bewertet als Unternehmen in Europa – und waren es auch schon vor dem derzeitigen Tech-Boom. So lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis in den USA in den 25 Jahren vor 2019 bei 26, in

Europa bei 19. Neben klassischen Erklärungen wie höherer Profitabilität oder stärkerem Wirtschaftswachstum spielt auch der deutlich besser entwickelte Kapitalmarkt in den USA eine wesentliche Rolle. Dieser ist in Europa noch immer sehr fragmentiert. Die Konsequenz daraus: Das gleiche Unternehmen würde wahrscheinlich am US-Aktienmarkt eine höhere Bewertung erzielen als an einer europäischen Börse. Dies bedeutet, dass einem Unternehmen in den USA mehr Eigenkapital für Investitionen in die neuen Technologien oder in Infrastruktur zur Verfügung steht. Gerade in der aktuellen technologischen Zeitenwende durch KI ist dies ein großer Vorteil für die USA. Und ein Nachteil für Europa, den es zu überwinden gilt.