Börsentipp: KI braucht auch die “Old Economy”

Markt / 11.09.2026 • 13:04 Uhr
Börsentipp: KI braucht auch die "Old Economy"

Für Stefan Bruckbauer (UniCredit Bank Austria) wächst mit dem digitalen Wandel der Bedarf an Energie, Infrastruktur und Hardware.

Wien Die weltweite Börsenkapitalisierung besteht inzwischen zu einem Drittel nur aus den 25 Top-KI-Unternehmen, und diese sind teilweise für mehr als die Hälfte der Marktbewegungen verantwortlich. Allerdings zeigt sich immer stärker, dass die Welt der Künstlichen Intelligenz doch auch sehr von der “alten”, physischen Welt abhängig ist und nicht nur von Software und Halbleitern. KI benötigt Datenzentren, Strom und dessen Netze, Kühlvorrichtungen und insgesamt Verkehrsnetze. Gleichzeitig, vor allem auch in Europa, benötigt die Elektrifizierung der Wirtschaft und Gesellschaft ebenfalls Strom und Netze.

Und angesichts der Tatsache, dass wirtschaftliche Maßnahmen zunehmend für politische Ziele eingesetzt werden, von Lieferbeschränkungen bis zu Zöllen, kommt den Lieferketten bzw. deren Diversifizierung eine immer wichtigere Bedeutung zu, was wiederum Investitionen in Infrastruktur voraussetzt. Und die starke Erhöhung der Verteidigungsanstrengungen zieht ebenfalls Investitionen in “Hardware” nach sich.

Zunehmend profitieren Unternehmen der sogenannten “Old Economy” von diesen Entwicklungen, nämlich aus den Bereichen Industrie, Transport, Versorgung oder Bau.

Während die mediale Aufmerksamkeit derzeit oft auf die Herausforderungen der Industrie durch die Konkurrenz aus China fokussiert ist, besonders in Deutschland, zeigt der gesamte Industriesektor im Euroraum zu Beginn des Sommers Zeichen der Erholung. Die Beschäftigung geht nicht mehr zurück und die vorlaufenden Indikatoren wie der Einkaufsmanagerindex (EMI) deuten seit Sommerbeginn sogar auf eine beginnende Erholung hin. Im August stieg der EMI für die Industrieproduktion im Euroraum deutlich über 50 Punkte, genau auf 53,4 Punkte, den höchsten Wert seit der Erholungsphase nach der Pandemie 2022.

Auch der Beschäftigungsrückgang scheint gestoppt zu sein. Im August meldete die Mehrheit der Unternehmen erstmals seit mehr als drei Jahren keinen Beschäftigungsabbau mehr. Vor allem bei der Erwartung für die nächsten zwölf Monate war ein Großteil der Industriebetriebe im Euroraum insgesamt, aber auch in Deutschland und Österreich, überzeugt, ihre Produktion ausweiten zu können.

Diese positive Entwicklung hat sich auch an der Börse bemerkbar gemacht. Zwar konnten die im breiten europäischen Aktienindex enthaltenen Industrieunternehmen heuer nicht ganz den Anstieg des Marktwertes europäischer Technologiewerte erreichen, blieben aber nur unwesentlich zurück.

Trotz der rasanten Entwicklung von KI und der starken Konkurrenz aus China zeigt Europas Industrie wieder Zeichen konjunktureller Erholung. Die negative Entwicklung der Autoindustrie ist also nicht gleichbedeutend mit der gesamten Industrie.

Der Infrastrukturbedarf für KI, die Elektrifizierung und die Sicherung der Lieferketten, gemeinsam mit den Anstrengungen im Bereich der Verteidigung, könnten somit den nun schon 25 Jahre andauernden Beschäftigungsabbau der Industrie im Euroraum stoppen.

In Österreich gab es diesen Rückgang sowieso nicht, denn trotz des Beschäftigungsabbaus in der Industrie seit 2019 sind heute mehr Menschen in der österreichischen Industrie beschäftigt als vor 25 Jahren. Dies alles gibt ein wenig Hoffnung, dass die “Deindustrialisierung” Europas, zumindest vorläufig, nicht stattfindet.