Börsentipp: Wer profitiert vom Boom?

Markt / 16.10.2026 • 08:38 Uhr
Börsentipp: Wer profitiert vom Boom?

Stefan Bruckbauer über die guten Wirtschaftsnachrichten aus China und den USA.

Wien Täglich lesen wir sensationelle Nachrichten aus der Wirtschaft, allerdings fast immer über die USA oder über China. Chinas Exporte, gemessen in realen Werten, liegen derzeit um rund 70 Prozent höher als noch Ende 2019. Allein heuer stiegen sie bisher, gerechnet in US-Dollar, um mehr als 20 Prozent. Die Industrieproduktion in China liegt heuer um mehr als 40 Prozent über 2019, die deutsche um 10 Prozent darunter, die österreichische immerhin um fast zehn Prozent über 2019.

Und in den USA kann die Wirtschaft mit erneut fast 2,5 Prozent realem Wachstum zwar China mit knapp unter fünf Prozent nicht schlagen, aber immerhin den Euroraum mit seinen rund ein Prozent. Gleichzeitig liegt der Wert der US-Aktien heute 170 Prozent über dem Niveau von 2019, das ist also fast eine Verdreifachung. Zwar konnte sich auch der europäische Aktienmarkt in dieser Zeit praktisch verdoppeln, bleibt aber doch hinter den USA zurück.

Bei solchen wirtschaftlichen Erfolgen sollte man davon ausgehen, dass die Bevölkerung der USA und von China optimistischer ist als in Europa. Nimmt man die Stimmung der Verbraucher und vergleicht diese mit dem Durchschnitt der letzten zwanzig Jahre, so stimmt dies jedoch nicht.

Schlechte Stimmung

Im Gegenteil: Die Stimmung der Konsumenten sowohl in China als auch den USA liegt deutlich unter dem Durchschnitt der Vergangenheit, sie ist sogar so negativ wie noch nie in den letzten 25 Jahren. Zwar ist sie im Euroraum ebenfalls unterdurchschnittlich, aber deutlich besser als zu Beginn des Ukrainekrieges, während der Pandemie, bei der Euro- und bei der Finanzkrise. Der wirtschaftliche Erfolg der USA und Chinas scheint also nicht wirklich bei der Bevölkerung anzukommen.

Betrachtet man die Entwicklung der Unternehmensgewinne und der Löhne in den USA, so lag der Anteil der Gewinne der Unternehmen am wirtschaftlichen Erfolg des Landes, also am BIP, seit den 1950er-Jahren noch nie so hoch wie derzeit, der Anteil der Löhne noch nie so niedrig. Man könnte zwar argumentieren, die US-Haushalte profitierten ja davon auf dem Aktienmarkt. Dies ist zwar richtig, aber rund vier Fünftel der Dividendeneinkommen gehen an die obersten zehn Prozent der Einkommensbezieher, 70 Prozent müssen sich mit gerade neun Prozent zufriedengeben. Also ein großer Teil der Bevölkerung partizipiert an diesem Erfolg nicht, muss aber höhere Energiepreise, Zölle und Zinsen bezahlen.

Und in China?

Man würde meinen, der chinesische Aktienmarkt müsste aufgrund der Erfolge der Unternehmen einer der stärksten sein. Ist er aber nicht. In Euro gerechnet legten die Aktien im Euroraum seit 2019 mehr als doppelt so stark zu wie die chinesischen. Und betrachtet man die Gewinne der chinesischen Industrie, so liegen sie heute so hoch wie 2019, trotz Exportplus von 70 Prozent. Gleichzeitig ist der chinesische Unternehmenssektor – gerechnet im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung – der am höchsten verschuldete der Welt.

Es ist also nicht alles Gold, was glänzt, am Boom der USA und Chinas. Allerdings heißt dies auch nicht, Europa könne sich damit zufriedengeben. Dass wir hier eine ausgeglichenere Verteilung der Erträge der Wirtschaft als in den USA haben und unsere Unternehmen ertragreicher sind als jene in China, kann sich leicht ändern, vor allem, wenn es nichts mehr zu verteilen gibt.