Nicht “Everybody’s Darling” – Ex-Vizekanzler Hubert Gorbach wird 65

Menschen / 24.07.2021 • 15:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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bregenz Ex-Vizekanzler Hubert Gorbach hat während und nach seiner Amtszeit polarisiert wie wenige andere österreichische Politiker. Die Häme, die sich über ihn ergossen hat, nimmt der ehemalige FPÖ- und BZÖ-Politiker heute sportlich (“Neid ist die ehrlichste Form der Anerkennung!”) und verweist im Gegenzug auf viele positive Reaktionen, die er nach wie vor – 15 Jahre nach seinem Abschied aus der Politik – von Bürgern erhalte. Am 27. Juli feiert der Vorarlberger seinen 65. Geburtstag.

Untrennbar mit dem Namen Gorbach verbunden ist unter anderem sein als Verkehrsminister nicht realisiertes Vorhaben, auf Österreichs Autobahnen eine flexible Höchstgeschwindigkeit mit einem Maximum von 160 km/h einzuführen. Er werde vielfach positiv darauf angesprochen, erzählt der Ex-Vizekanzler im Interview mit der APA-Austria Presse Agentur. Aber auch andere “markante Aktivitäten” wie Tunnelbauten oder Bahnhöfe seien den Menschen im Gedächtnis geblieben. In die Schlagzeilen geriet Gorbach aber auch wegen der Telekom-Affäre (ohne Gerichtsverfahren gegen ihn) oder weil er wegen seiner Vorarlberger Politikerpension vor Gericht zog.

Erinnert wird ebenso Gorbachs Brief an den damaligen britischen Finanzminister Alistair Darling, in dem er die Wendung “The world in Vorarlberg is too small” anführte und für den er in den Medien ausgelacht wurde. “Negative Veröffentlichungen” gehörten zum Medien- und Politikgeschäft “einfach dazu”, vieles werde aus dem Zusammenhang gerissen, manches erfunden, so Gorbach. Der Brief an Darling sei “inhaltlich richtig und geradezu selbstverständlich” gewesen, das habe auch Darlings Antwort an ihn gezeigt. Als Politiker sei man nicht “Everybody’s Darling”, da müsse man über den Dingen stehen. Er habe stets versucht, seine Meinung vehement zu deklarieren und zu vertreten. “Am Ende des Tages ist es schön, wenn man sagen kann: Der Erfolg gab mir recht”, so der Ex-Vizekanzler, der sich selbst als “liberal bürgerlicher Freiheitlicher” definiert.

Parteimitglied ist Gorbach aber längst keines mehr. Seine politische Karriere sei “organisch gewachsen”, Gorbachs Aufstieg in der Kommunal-, Landes- und Bundespolitik verlief zügig und geradlinig. Unter anderem brachte er es zum Bundesobmann des “Rings Freiheitlicher Jugend”, zum Landtagsabgeordneten, Landesrat, Landeshauptmann-Stellvertreter, zum Bundesminister, geschäftsführenden Parteiobmann (BZÖ) und zum Vizekanzler. 2007 schied er freiwillig aus der Politik aus, wie er betont. Schon 1993, beim Einstieg in die Berufspolitik, habe er seiner Frau und seinem engsten Freundeskreis versprochen, mit 50 aufzuhören. “Danach habe ich mich auch in der privaten Wirtschaft wieder so richtig wohl gefühlt”, erzählt Gorbach, der nach wie vor als Selbstständiger ein Consulting-Unternehmen führt. Aufträge nimmt er aber nur noch ausgewählte an.

Zu den jüngsten Entwicklungen in der FPÖ spricht Gorbach von “inakzeptablen Vorfällen”. Die FPÖ habe eine äußerst schwierige Zeit hinter sich – “trotzdem war für mich vieles ein Déjà-vu”, stellt der Ex-Politiker fest. Damit meine er vor allem die unterschiedliche Auffassung “innerhalb unserer Gesinnungsgemeinschaft, was die Frage Regierungsarbeit oder Oppositionspolitik, die Frage der politischen Agitation und auch die Frage der politischen Schwerpunktsetzung betrifft”. Die FPÖ könne aber jedenfalls beides, wie Manfred Haimbuchner als Landeshauptmann-Stellvertreter in Oberösterreich oder Christof Bitschi in Vorarlberg mit “kantiger, aber auch konstruktiver Oppositionsarbeit” zeigten.

Nach der Performance der türkis-grünen Bundesregierung befragt, sagt Gorbach, dass Parteigrenzen immer mehr verschwinden würden, “und das ist gut so”. Die politische Arbeit und deren Ergebnis hänge sehr stark und immer mehr von den handelnden Personen ab. Gefragt sei zukunftsorientierte und enkelgerechte Reform- und Problemlösungspolitik, nicht Parteipolitik: “Wir müssen schließlich den laufenden Veränderungen in der kleinen und großen Welt gerecht werden.”

Sorgen bereitet dem EU-Befürworter Gorbach die Entwicklung der Union. Auf europäischer Ebene sei man nicht imstande, die wirklich großen Themen anzugehen, etwa eine gemeinsame Außenpolitik. “Eine besser koordinierte und abgestimmte Wirtschaftspolitik wäre ebenfalls von großer Bedeutung, um den Weltwirtschaftsmächten wie den USA und China wirklich Paroli bieten zu können”, zeigt sich Gorbach überzeugt. Auf der EU-Ebene fehle es aber nicht zuletzt “an wirklichen Persönlichkeiten, die auf Augenhöhe den Großmächten dieser Welt als ‘Europa’ gegenübertreten”.
(Das Interview führte Jochen Hofer/APA)