Der Schindelhüsli-Luggi

Menschen / 23.11.2022 • 17:56 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Luggi mit seiner großen Liebe Mirjam. Seit drei Jahren ist das Paar verheiratet.
Luggi mit seiner großen Liebe Mirjam. Seit drei Jahren ist das Paar verheiratet.

Ludwig Kessler kehrt sein Inneres nach außen – mit selbstgebauten Schindelhüsli.

Tschagguns Das Leben machte etwas mit Ludwig Kessler (66). Die Kratzer und Beulen, die es ihm in der Vergangenheit zugefügt hatte, weiteten sein Herz und machten es übervoll mit Liebe. Im Jahr 2003 ließ sich Luggi, so wird er seit jeher genannt, von seiner Frau scheiden, mit der er 21 Jahre zusammen war und zwei Söhne hat. Er zog aus dem Haus aus. „Die Scheidung war ein Tiefpunkt in meinem Leben. Ich musste bei null anfangen, mir eine neue Existenz aufbauen.“ Am Anfang fiel ihm das Alleinsein schwer. „Ich war traurig und weinte, als ich allein vor dem Christbaum saß.“ Je länger er Single war, desto mehr schwand seine Hoffnung auf eine neuerliche Liebe.

Sein innigster Wunsch erfüllte sich

Aber im Jahr 2012 ging sein innigster Wunsch in Erfüllung. Luggi begegnete Mirjam. „Ich lernte sie bei einer Bekannten kennen. Nach dem ersten Blick wussten wir, dass wir zusammengehören.“ Mit Mirjam bekam sein Leben eine neue Qualität. Das Paar war gerade einmal vier Jahre glücklich miteinander, als Mirjam so schwere gesundheitliche Probleme bekam, dass ihr Leben gefährdet war. Luggi konnte sein Unglück nicht fassen. „Ich dachte mir: ,Jetzt haben wir eine so tolle Beziehung. Und dann verlierst du diese Frau.“ Zum Glück bewahrheiteten sich seine schlimmsten Ängste nicht. Sein großer Schatz überlebte. Vor lauter Dankbarkeit und Liebe floss Luggis Herz über.

Seine Liebe suchte sich einen Kanal, über den sie zum Ausdruck kommen konnte. Im Jahr 2017 begann der Tschaggunser mit behutsamer Akribie aus alten Schindeln kleine Häuschen anzufertigen. Mit Hingabe gestaltete er jedes Detail, die Fenster, das Dach, den Balkon, die Bank und den Zaun vor dem Haus. Als er seiner Mirjam sein erstes Werk zeigte, hupfte diese vor Begeisterung fast aus. Sie sah nicht nur das schöne Häuschen, sondern auch das Licht, das aus den Augen ihres Liebsten strahlte. Vor ihr saß ein ausgewachsenes Mannsbild, glücklich wie ein Kind. Luggi hatte etwas gefunden, womit er sich ausdrücken konnte. „Die Hüsli widerspiegeln mein Inneres. In jedes stecke ich mein ganzes Herzblut.“ Der Montafoner gerät ins Schwärmen, wenn er von seiner Passion erzählt. „Es ist so ein tolles Hobby, es könnte nicht schöner sein.“ Dass er mit seinen Werken anderen Menschen eine Freude machen kann, verdoppelt sein Glück. „Ich habe den Maisäß meines Bruders nachgebaut und ihm diesen zum 70. Geburtstag geschenkt. Josef stellte ihn dekorativ zum Fenster, schaute ihn an und weinte vor Rührung.“

Der Kassa-Luggi kann helfen

Luggis Mutter – sie verstarb 2005 – hätte große Augen gemacht, wenn sie die Kreationen ihres Nachzüglers noch sehen hätte können. Denn sie war von Anfang an überzeugt, dass ihr Jüngster aufgrund seiner zarten Hände kein hartes Handwerk ausüben kann und er besser in einem Büro aufgehoben ist. Luggi, der Sohn eines Landwirtes, machte dann auch tatsächlich eine Lehre zum Bürokaufmann. Der Nachbar – er leitete ein Geldinstitut  –  gewann den jungen Bürokaufmann für die Mitarbeit in der heimischen Bankfiliale.

Luggi bewährte sich am Schalter und wurde bald zum Chef der örtlichen Bank befördert. Schnell gewann er die Herzen seiner Kunden, denn er unterstützte sie in verschiedensten Belangen. „Ich habe vielen in schriftlichen Angelegenheiten geholfen.“ Das sprach sich herum, sodass es bald hieß: „Geh zum Kassa-Luggi, der kann dir helfen.“ 37 Jahre lang war die Bank seine Arbeitsstätte. 2014 ging der Montafoner aufgrund gesundheitlicher Probleme in den vorzeitigen Ruhestand. Angst machte ihm der Gedanke an die Pension nicht. Immerhin war er Zeit seines Lebens bei der Feuerwehr aktiv, hatte seit Jahrzehnten eigene Bienen und wann immer Not am Mann war, half er seinem Bruder beim Eindecken von Dächern mit Holzschindeln. Bei dieser Arbeit wurde dem Luggi so richtig bewusst, was Schindeln im Lauf ihres dreißigjährigen Lebens leisten und wie sie Häuser und Ställe vor Wind und Wetter schützen. Es schmerzte ihn, dass sie, nachdem ihre Zeit vorüber war, einfach entsorgt und verbrannt wurden. Luggi wollte sie weiterleben lassen. Das war die Geburt des Schindlhüsli-Luggi. VN-kum

„Das Bauen von Schindelhäuschen ist so ein tolles Hobby. Es könnte nicht schöner sein.“

Luggi verschenkte schon viele seiner Werke aus Holz. Sie sind sehr dekorativ.    Patrick Säly
Luggi verschenkte schon viele seiner Werke aus Holz. Sie sind sehr dekorativ.    Patrick Säly
Eine Vitrine, voll mit Häuschen. Die Schaffenskraft von Luggi ist enorm.
Eine Vitrine, voll mit Häuschen. Die Schaffenskraft von Luggi ist enorm.
Luggi verbringt einige Stunden am Tag in seiner Werkstatt. Das Anfertigen von Häuschen aus Schindeln erfüllt ihn. Kuster (4)
Luggi verbringt einige Stunden am Tag in seiner Werkstatt. Das Anfertigen von Häuschen aus Schindeln erfüllt ihn. Kuster (4)

Zur Person

Ludwig Kessler

fertigt nicht nur Hüsli an, er baut auch Krippen und Kirchen. Tel. 0664/2387414.

Geboren 6. November 1956

Familie verheiratet, zwei Söhne, zwei Enkel

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