Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Was noch ein Glück ist

07.09.2021 • 13:40 Uhr

Er wirkt heute fahrig. In unbeobachteten Augenblicken lässt er am Rand des Gastgartens die Blicke schweifen. Aber man muss ihm das nachsehen. Zwei Wochen noch, dann schließt die Saisonwirtschaft und ihr einziger Kellner fährt nach Hause. Nach Bulgarien, für sechs Monate. Halbes Jahr hier, halbes Jahr dort – so lebt er. Und jetzt steht wieder ein Wendepunkt im Terminkalender.

Was wird er vorfinden? Die Frau und seine Kinder natürlich. Er hat Familie. Die Fotos, die er altmodisch noch immer in der Geldbörse trägt, zeigen zwei herrliche Racker mit hellwachen Augen. Vier und sechs Jahre alt sind sie. Werden sich wohl wieder an ihn gewöhnen müssen, vielleicht ist der Herbst ja Papa-Zeit. Dann kommt er nach Hause aus diesem fremden Land, das auf seinen Fotos so verlockend aussieht und dem sie doch nicht verzeihen können, dass es ihnen den Vater im Frühjahr wieder stehlen wird. Auch seine Mutter lebt noch. Sie hat jetzt ein Alter erreicht, in dem jeder Abschied der letzte sein könnte.

Wir haben uns für eine glückliche Variante der Heimkehr entschieden. Es gäbe noch Dutzende andere, manche davon trister als wir sie denken mögen. Aber übrig bleibt in jedem Fall eine Familie, die um eines besseren Lebens willen halbjährige Trennungen hinnimmt. Im Vergleich zu anderen haben sie noch Glück. Hat nicht Torbergs Tante Jolesch Gott gebeten, er möge sie „behüten vor allem, was noch an Glück ist“?

Thomas Matt

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