“Die Maturaarbeiten verraten große Leidenschaft”

Barbara Schöbi-Fink sieht Maturaergebnisse differenziert und will Kampf gegen Lehrermangel weiter forcieren.
Bregenz Schullandesrätin Barbara Schöbi-Fink stimmt nicht in den Chor jener mit ein, welche die Ergebnisse der diesjährigen Matura negativ bewerten. Begeistert zeigt sie sich im VN-Interview schon jetzt über zahlreiche vorwissenschaftliche Arbeiten der MaturantInnen. Abseits der Matura nimmt Schöbi-Fink unter anderem zum geplanten Kopftuchverbot Stellung. Sie hält dessen Umsetzung für nicht realistisch.
Wie bewerten Sie die Matura-Ergebnisse der Vorarlberger KandidatInnen?
Barbara Schöbi-Fink Über 90 Prozent der Kandidatinnen und Kandidaten haben die Reifeprüfung wohl auch heuer bestanden. Das ist erfreulich. Man findet natürlich in jeder Statistik positive und negative Aspekte. Es muss nun alles analysiert werden. Und das passiert vor allem am Schulstandort, wo dann konkrete Maßnahmen gesetzt werden können.
Ist die Matura im gegenwärtigen Format genau so, wie sie sein soll?
Schöbi-Fink Verbesserungspotenzial gibt es immer. Bildung und Gesellschaft verändern sich, und darauf muss auch die Matura reagieren. Sie hat sich durch die Einrechnung der Jahresnote und die Anpassungen bei der vorwissenschaftlichen Arbeit ja schon in den vergangenen Jahren verändert. Nächstes Jahr soll die mündliche Prüfung adaptiert werden und ein Schwellenwert wie bei den Klausuren definiert werden. Da gibt es aber noch keine Details aus dem Ministerium.

Die Vorwissenschaftliche Arbeit an den AHS ist nun freiwillig. Gefällt Ihnen das?
Schöbi-Fink Im Moment ist sie freiwillig. Wer will, kann sie bis 2028/2029 durch eine zusätzliche Klausur oder eine mündliche Prüfung ersetzen. Was danach kommt, ist noch nicht restlich geklärt. Rund 40 Prozent haben sich heuer für eine abschließende Arbeit, wie sie nun heißt, entschieden. Dabei musste man einen forschenden, gestalterischen oder künstlerischen Ansatz verfolgen. Es ist beeindruckend, welche Themen und Ideen die Maturantinnen und Maturanten umgesetzt haben. Die Arbeiten sind tiefgründig, innovativ und zeigen ein persönliches Interesse, eine Leidenschaft, die präsentiert werden kann und Anerkennung findet. Reflektiert wird das Projekt laufend. Änderungen müssen aber immer gut durchdacht und vorbereitet sein. Letztes Jahr kamen die Änderungen bei der VWA zu abrupt.
Welche persönliche Botschaft haben Sie für die Maturantinnen und Maturanten?
Schöbi-Fink Die bestandene Matura ist ein bedeutender Meilenstein. Sie verdient große Anerkennung und herzliche Gratulation. Dieser Abschluss steht nicht nur für Wissen, sondern auch für Durchhaltevermögen, Zielstrebigkeit und persönliche Entwicklung. Der Blick nach vorne ist voller Chancen. Für alles, was nun kommt, sei es Studium, Ausbildung oder ein anderer Weg, wünsche ich allen viel Erfolg, Freude und Mut zur Gestaltung der eigenen Zukunft.
Wie kann es gelingen, die Akademiker von morgen nach ihrem Studium im Land zu behalten? Besonders natürlich Lehramtsstudenten.
Schöbi-Fink Lehramtsstudierende, die in Feldkirch studieren, bleiben auch hier und steigen oft schon während des Studiums in den Schuldienst ein. Sie machen Praxiseinheiten während des Studiums und lernen ihren Beruf, aber auch unsere Schulen, gut kennen. Das ist eigentlich die beste Werbung. Darüber hinaus versuchen wir, Anreize zu schaffen. Zum Beispiel mit dem Klimaticket für Pflichtschullehrer, Unterstützung durch Supervision und ehrenamtliches Coaching. Wir unterstützen die Standorte auch durch die Bereitstellung von Sekretariatskräften und Schulsozialarbeit. Was wir allerdings leider nicht können, ist, die Bezahlung der Lehrpersonen und Schulleitungen zu erhöhen. Das ist Bundeskompetenz.

Im Zusammenhang mit anderen Schulthemen ist derzeit die Kürzung bei Assistenzkräften in den Schulen im Gespräch. Was entgegnen Sie den Kritikern, die befürchten, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen nicht mehr entsprechend betreut werden können?
Schöbi-Fink Es gibt keine Kürzungen bei der Schulassistenz. Es wird über die SAF GmbH landesweit das gleiche Stundenausmaß zur Verfügung gestellt wie bereits im laufenden Schuljahr. Allerdings muss jedes Jahr die Situation von Schulen bzw. SchülerInnen neu bewertet und Stunden entsprechend auch umverteilt werden. Dies erfolgt in Absprache mit den Schulleitungen und hat das Ziel, die Stunden zielgerichtet jenen Standorten zuzuteilen, an denen der Unterstützungsbedarf am größten ist.

Der Lehrermangel im Land hat sich laut Auskunft von Experten etwas entschärft. Ist das eine Momentaufnahme oder eine Trendwende?
Schöbi-Fink Ich freue mich über diese leichte Verbesserung zu den Vorjahren, sehe es aber noch sehr vorsichtig hinsichtlich der Gesamtentwicklung. Es haben viele aktive Lehrpersonen zusätzliche Stunden übernommen. Letztlich müssen wir diese Lehrer auch wieder entlasten können. Das heißt, wir müssen weiterhin konsequent das Lehrerrecruiting stärken. Erfreulich ist, dass die Anmeldezahlen an der PH steigen.
Wo besteht derzeit der größte Mangel?
Schöbi-Fink An den Volksschulen. Hier investiert das Land zusätzliche Stunden über das Volksschulpaket für Teamteaching oder Förderstunden. An den Mittelschulen gibt es in bestimmten Fächern noch Bedarf. Dazu gehört etwa Deutsch.
Der neue Bildungsminister Christoph Wiederkehr möchte bei Schulkonflikten Eltern mehr in die Pflicht nehmen. Inklusive Sanktionen bei Totalverweigerung einer Kommunikation mit der Schule. Wie stehen Sie dazu?
Schöbi-Fink Im Regierungsprogramm ist vorgesehen, dass Eltern neben der Erfüllung der Schulpflicht auch zusätzliche Mitwirkungspflichten übernehmen, wie etwa die Teilnahme an Elternabenden oder die Zusammenarbeit mit dem Schulpersonal. Sanktionen gegen die Eltern bei Verweigerung der Kooperation sollten das allerletzte Mittel sein.

Für den Minister ist die Bildungswegentscheidung mit zehn zu früh. Ist das ein Impuls zur Umsetzung einer Gemeinsamen Schule?
Schöbi-Fink Hier ist der Bund gefragt. Wir warten auf konkretere Infos aus dem Ministerium. In Vorarlberg sind die Allgemeinbildenden Höheren Schulen gegen die Einführung. Solange sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht ändern, konzentrieren wir uns auf andere Themen.

Wie stehen Sie zu einem geplanten Kopftuchverbot für Schülerinnen bis 14?
Schöbi-Fink Das Tragen von Kopftüchern durch muslimische Mädchen und Frauen gilt als religiös begründete Bekleidungsvorschrift und steht unter dem Schutz des Staatsgrundgesetzes. Weder das Schulunterrichtsgesetz noch schulinterne Regelungen wie Hausordnungen, Verhaltensvereinbarungen oder Beschlüsse von Schulforen können diesen verfassungsrechtlichen Schutz einschränken. Entsprechende Versuche, das Kopftuch im Unterricht zu verbieten, sind bisher gescheitert.