Zwischen Antike und Gegenwart

Die kanadische Autorin Anne Carson wird mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.
Stockholm Seit Jahren wurde sie für den Literaturnobelpreis gehandelt, 2020 erhielt sie bereits den Prinzessin-von-Asturien-Preis, der als „spanischer Nobelpreis“ gilt. Am Donnerstag wurde die 76-jährige kanadische Dichterin, Altphilologin und Übersetzerin Anne Carson nun mit der höchsten literarischen Auszeichnung geehrt, und zwar „für ihr kühnes und erfindungsreiches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen hat“. Carson wurde am 21. Juni 1950 in Toronto geboren. Ihr Vater arbeitete bei verschiedenen Banken, die Familie zog häufig um und lebte in mehreren Kleinstädten in Ontario. Als Kind verehrte sie Oscar Wilde, schon in der Schule begann ihre Faszination für Latein und Altgriechisch. Sie studierte beide Sprachen und schloss ihre akademische Laufbahn an der Universität von Toronto ab. Altgriechisch sei für sie die „beste Sprache“, sagt Carson: „Es ist einfach sehr spezifisch. Einfach eine andere Erfahrung.“ Sie lehrte und übersetzte Altgriechisch an verschiedenen Universitäten, unter anderem in Ann Arbor und New York. Ihr erstes Buch, „Eros the Bittersweet“ (1986), verbindet Roman, Poesie und altphilologische Abhandlung und zeigte bereits, dass sich Carson keiner Gattung zuordnen lässt. „Wenn Prosa ein Haus ist, dann ist die Poesie ein brennender Mann, der da relativ schnell durchrennt“, sagte sie einmal dem „Guardian“.
Unergründliche Brillanz
Rund zwei Dutzend weitere Bücher folgten. Als ihr Meisterwerk gilt vielen „Autobiography of Red“, das 2019 gemeinsam mit dem Nachfolger „Red Doc“ als „Rot. Zwei Romane in Versen“ auf Deutsch erschien. Carson verlegt darin den Mythos von Herakles und Geryon in die Gegenwart und lässt Geryon von seiner Liebe zu Herakles erzählen. Im Frühjahr 2026 bezog sich die Gruppenausstellung „Fire Lips“ in der Angewandten ausdrücklich auf dieses Buch. In „Decreation“ beschwört sie die Stimmen von Sappho, Simone Weil und Monica Vitti. Der Band „Albertine“ versammelt 59 Aphorismen, die sich Autoren wie Proust, Samuel Beckett und Roland Barthes widmen. Über „Anthropologie des Wassers“ schrieb die „FAZ“, das Buch zeige, wie extreme Gelehrsamkeit mühelos in Humor, Sinnlichkeit und Staunen umschlage. 2020 erschien „Irdischer Durst“ in der Übersetzung von Marie Luise Knott, mit poetischen Streifzügen von Forellen über Rembrandt bis zum Renaissancemaler Perugino. 2025 folgte „Norma Jeane Baker von Troja“, in dem Carson Marilyn Monroe und Euripides’ Helena als überzeitliche Objekte männlichen Begehrens deutet. Die Kritik feiert Carson seit Langem. Der „Guardian“ nannte sie einen „Poesie-Guru“, die „New York Times“ rühmte ihre „unergründliche Brillanz“: Carson wirke wie jemand aus einer anderen Welt, „entweder außerirdisch oder antik“. Genau darum gehe es ihr, sagt die Autorin: „Ich möchte die Gehirne der Menschen bewegen, und das ist nicht etwas, was sie natürlich von selbst machen.“ Es sei wichtig, das Gehirn „irgendwohin zu bewegen, wo es noch nie war“.